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Das alte Schreckgespenst des Fortschritts


Etwa 20.000 deutsche Wissenschaftler forschen zurzeit in den USA – und 40 Prozent von ihnen werden den Weg laut Statistik nicht mehr in die deutsche Wissenschaftslandschaft zurück finden. Ein herber Verlust für ein Deutschland, das inzwischen durch Kampagnen wie das „Jahr der Innovation“ versucht, seinen Platz in der Liga der Wissenschaftsgiganten zu sichern. Was ist passiert?

Natürlich trägt das chronisch unterfinanzierte Bildungs- und Forschungssystem zu diesem Attraktivitätsverlust bei: die Ausgaben entsprechen hier etwa der Hälfte der Kohlesubventionen. Und politische Maßnahmen wie das Gentechnikgesetz tun ihr übriges, damit Forscher auf diesem Gebiet auch ja weiter die Ferne suchen.

Doch wie ist es um den Rückhalt in der Gesellschaft bestellt? Ist nur die Politik an dieser Misere Schuld?

Laut Umfragen des Allensbacher Instituts befür-worten nur 53 Prozent der Deutschen moderne Technik. Zu Zeiten des Wirtschaftswunders waren es noch 75 Prozent – und das in einer vermeintlich konservativeren Gesellschaft.

Dass diese Einstellung kein Muss ist, das mit dem Wesen eines aufgeklärten Bürgers einhergeht, zeigt der internationale Vergleich: die USA, Kanada und Japan beispielsweise bringen technologie-freundlichere Bürger hervor.

Schon vor einem Jahrzehnt ergaben die Umfragen des TAB (Büro für Technikfolgen-Abschätzung beim Deutschen Bundestag), dass der deutsche Bürger „Großtechnologien, wie z.B. Kernenergie, Luft- und Raumfahrt, Gentech-nologie, im Vergleich zu anderen Technikfeldern weniger positiv bewertet. In den Anwendungs-kontexten Haushalt, Alltag und Medizin wird der Einsatz von Technik dagegen vorwiegend positiv bewertet.“, so heißt es weiter. Ein interessanter Widerspruch. Neue Technologien können ja so praktisch sein –  aber das wird erst dann erkannt, wenn man unmittelbar betroffen ist.

Fortschrittskritisch zu sein, ist kultureller Konsens. Skepsis ist an sich ein begrüßenswerter Nebeneffekt einer gebildeten Gesellschaft, doch ist die Ablehnung neuer Technologien oftmals bloß noch Ideologie, die sich als gute Erziehung tarnt. Eine Argumentation à la „wehret den Anfängen“, welche in solchen Kontexten häufig auftaucht, zeugt von einem polarisierten Weltbild, in dem der Mensch ständig der unwiderstehlichen Kraft des „Bösen“ ausgesetzt ist, sich also stets darum bemühen muss, sich „vor sich selbst zu schützen“. Die Tendenz der Personifizierung von kulturellen Entwicklungen, welche per definitionem vom Menschen abhängen, keineswegs also ein Eigenleben besitzen, ist paradigmatisch für die Angst vor Kontrollverlust gegenüber der Technik. Ein romantisches Naturverständnis lässt das künstlich Erzeugte grundsätzlich als etwas der Natur des Menschen – wie auch immer man diese definieren mag – Entgegengesetztes erscheinen. In dieser Logik steht Kleines in der Hierarchie über Großem, Handgemachtes über maschinell Produzier-tem.

Dabei haben sich die Horrorszenarien, die auf Grundlage dieser Moral prognostiziert wurden, nie bewahrheitet. Man erinnere sich an die Warnungen vor der Benutzung von Eisen-bahnen, die Ärzte im 19. Jahrhundert aussprachen: die hohe, übernatürliche Geschwindigkeit werde Hirnkrankheiten auslösen.  Heute lacht man darüber, stürzt sich aber mit Vergnügen auf sein persönliches Schreckgespenst. Aktuelles erscheint immer so viel ernst zu nehmender. Derzeit en vogue: die Gentechnik. Hier lautet ein Argument der Gegner beispielsweise: man greife in die Natur ein. Dass die menschliche Kultur ausnahmslos aus Weiterentwicklung besteht, wird irgendwie verdrängt. Es ist nicht nur das Wesen des Menschen, zu erfinden und sich neu anzupassen, sondern eine Lebensnotwendigkeit. Ob man so weit wie Saul Kent gehen muss, der den Menschen der Zukunft als selbst erzeugtes biotechnisches Produkt ansieht, mag jedem selbst überlassen sein.  Fest steht jedenfalls, dass die Verteidigung der menschlichen Kultur nicht für die Ablehnung von neuen Technologien herhalten kann. „Kultur gilt im weitesten Sinn als Inbegriff für all das, was der Mensch geschaffen hat“, so formuliert es jedenfalls der Brockhaus. Es wird nicht deutlich, was eigentlich genau das Problem bei der Genmanipulation ist. Schließlich betreibt der Mensch seit Jahrtausenden Züchtungen, die nicht weniger Einfluss auf die Gesundheit haben als genmanipulierte Pflanzen oder Tiere. Man mag es als Geschmackssache abtun, für oder gegen die Manipulation von Erbgut zu sein. Geradezu verantwortungslos wird die dogmatische Ablehnung jedoch dann, wenn hieraus faktisch das Verhungern von tausenden Menschen resultiert, welche mithilfe effizienteren Saatguts eine bessere Nahrungsgrundlage gehabt hätten. Dürretolerantes Getreide würde von einem afrikanischen Bauer, dessen Existenz aufgrund der immer wieder-kehrenden Trockenperioden ständig infrage gestellt wird, sicher nicht abgelehnt werden, weil es ihm „unnatürlich“ erscheint. Die übliche Kritik, monopolistische Hersteller der Gen-Saat würden ihre Abnehmer durch hohe Preise unterjochen, ist zwar nicht falsch,  jedoch an die falsche Adresse gerichtet, wenn sie gegen die Technologie und nicht gegen ihre Verwendung wettert.

Man muss gar nicht so weit reisen, um auf dankbare Gentechnik-Abnehmer zu stoßen: in Deutschland leben etwa eine Million Parkinson-, Alzheimer- und Multiple-Sklerose-Patienten, die durch eine Behandlung mit Stammzellen wahrscheinlich geheilt werden könnten – würde denn die Regierung der Forschung nicht ständig Steine in den Weg legen und würde sich die Mehrheit der Bürger verabschieden von der Assoziation eines Genforschers mit einem Dr. Frankenstein.

Dass die Einsicht in die Notwendigkeit gentherapeutischer Maßnahmen im medizinischen Bereich hierzulande vorhanden ist, zeigt sich an der paradoxen gesetzlichen Lage: Stammzellen dürfen in Deutschland zwar nicht hergestellt, aber importiert werden. Die Verletzung der wie auch immer gearteten Menschenrechte des Zellhäufleins möchte man dann doch lieber anderen Nationen überlassen. Auch gilt es – wie im Falle von Ingo Potrykus und Peter Beyer zu sehen – als unpassend, Genforschern einen Umweltpreis zu verleihen, so renommiert sie im Ausland auch sein mögen und so ökologisch hilfreich ihre Erfindung auch gewesen sein mag.                                                                                                       Dabei könnte man Gentechnologie sogar im Sinne der grünen Moral auslegen: Richtig angewandt, würde sie nicht nur in der Agrarwirtschaft, sondern auch in der Viehzucht ökologischer sein als alle bisherigen Ansätze. Warum den eigenen Fleischkonsum beschränken oder  das Land angesichts weltweit wachsender Bevölkerungszahlen immer weiter mit unwirtschaftlichen Öko-Bauern besetzen, wenn das Fleisch absolut tierfreundlich auch im Reagenzglas gezüchtet werden kann? Die Frage ist ernst gemeint. Über die Öko-Seite der Genmanipulation wird selten nachgedacht.

Ähnliches gilt für die Atomkraft: inzwischen ist sie ein Tabuthema, über das sachlich zu sprechen nur schwerlich möglich ist. Denn schnell wird der Joker Tschernobyl als Paradebeispiel für die dunkle Seite der Atommacht ausgespielt. Hier sehe man exemplarisch, wie groß die potentielle Vernich-tungskraft einer atomaren Verseuchung sei. Wie groß das Ausmaß damals wirklich war, scheint keinen zu interessieren. Auch nicht, dass die etwa 150 Opfer auch nicht annähernd mit den 3000 Opfern der Chemiewerk-Explosion im indischen Bhopal zu vergleichen sind, welche sich zwei Jahre vorher ereignet hatte. Solcherlei Unfälle graben sich eben nur ein, wenn eine noch ungewohnte Technologie im Spiel ist. Sicher: das Problem der Endlagerung lässt sich zurzeit, vielleicht sogar nie lösen. Doch richtet sich die Ablehnung von Atomkraft wirklich fokussiert gegen diesen Aspekt? Sollte nicht konstruktiv eben dieses Problem behandelt werden, anstatt Atomkraft als Sinnbild für die gewissenlose Ausbeutung von Natur und Gesellschaft zu sehen? Vergessen werden darf nämlich nicht, dass Atomkraft nach wie vor die effizienteste und sauberste Form der Energie-gewinnung ist.

Falls all das nicht überzeugen konnte, dann bleibt da noch der ganz persönliche Aspekt – der sollte den deutschen Bürger doch interessieren. Das ökonomische Einmaleins besagt: damit der Einzelne im Wohlstand leben kann, muss es dem Land wirtschaftlich gut gehen. In Zeiten der Rezession – Verzeihung, „Hartz IV“ – scheint irgendetwas nicht zu funktionieren, und deswegen muss es bergauf gehen. Und wie erreicht man das in Deutschland, einem Land mit wenigen Rohstoffen? Mit Technologien in schlauen Köpfen – aber die müssen erst einmal am Auswandern gehindert werden.

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