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Ganz Körper


Nachdem ich mich in den letzten zwei Wochen mit Spazieren und Bummeln doch sehr überanstrengt hatte, gönnte ich mir heute eine Verwöhnung in Form eines dreiteiligen Wellness-Programms. Der Tag begann um 9 Uhr mit dem Besuch des Bikram Yoga Zentrums im Sukhumvit Soi 23. (Sabine hatte mir als Abschiedsgeschenk einen Groupon-Gutschein für fünf Stunden geschenkt.) Ich sah dieser Erfahrung als sportliche Ergänzung meines psychologischen Entspannungsprogrammes entgegen und stellte mir leichte Stretchübungen mit Musikuntermalung vor. Damit lag ich komplett daneben, wie sich herausstellte.

Das Yoga Zentrum wird von einem sehnigen Pärchen amerikanischen Ursprungs geleitet, die auf ihrer Webseite ausführlich ihre körperliche und seelische Befreiung durch Bikram Yoga schildern. Früher noch Koch mit Rückenschmerzen, ist Rick beispielsweise nun frei von Schmerz, Leid und Stress und gibt jedem, der es nicht hören möchte, mehrmals auf den Weg, man solle einen offenen Geist bewahren. Man solle sich wohl fühlen und “part of the family” werden. Angesichts dieses Überflusses an Entspanntheit überraschte mich der während der Yogastunde einzuhaltende elaborierte Regelkanon doch etwas, der sowohl im Internet als auch eingerahmt neben dem Eingang zu finden war. Um den Gestaltungsspielraum der Teilnehmer möglichst zu begrenzen, regeln die als „Studio Etiquette“ bezeichneten Gebote alle denkbaren Aspekte vom Zeitpunkt der Ankunft, über das Sprechen im Yogaraum, den Zeitpunkt und die Art der Einnahme von Wasser, die Position der Wasserflasche im Verhältnis zur Yogamatte, die genaue Sitzposition während unvermeidbarer Erschöpfungspausen bis hin zum Tragen von Düften alle nur denkbaren Aspekte einer Yogastunde. Auch wird spezifisch verboten, sich während des Unterrichts zu beschweren.

Aber zurück zu meiner sportlichen Erfahrung. Bikram Yoga, wie ich nun weiß, ist eine von der Lehrerin als „hardcore“ bezeichnete Yogaversion, bei der 90 Minuten lang bei 40 Grad Yoga ohne Pause betrieben wird. Die Temperatur, wie ich später von Rama erfuhr, sorgt für eine unnatürlich schnelle Ermüdung der Muskeln, welche zu einer gesteigerten Effektivität der Übungen führt. Der Effekt ließ nicht lange auf sich warten – bereits nach etwa 10 Minuten lief mir der Schweiß in Bahnen herunter, und der erste Schwächeanfall zeigte sich nach etwa 30 Minuten. Ich verwendete meine letzten Kräfte darauf, mich in die reglementarisch vorgesehene Ruheposition zu begeben und die vorgesehene Wartezeit bis zum nächsten erlaubten Wasserschluck einzuhalten. Nachdem ich mich wieder aufgerappelt hatte, kamen einige Wirbelsäulenübungen an die Reihe, bei denen uns die Lehrerin mit gesundheitlich hilfreichen Hinweisen wie „don’t be afraid of the pain“ zu immer weiteren Verbiegungen animierte. Zu meinen späteren Rückenbeschwerden wusste sie sich nicht zu äußern und verwies mich auf meine Eigenverantwortung beim Erkennen meiner Grenzen. Hätte sie mir das nur vorher gesagt! Die erstaunlichste Übung war jedoch eine Atemübung, bei der auf einen Atemzug etwa 30 Ausatmungen erfolgen sollten. Schon nach dem zehnten Ausatmen ging mir die Puste aus, und ich konnte mir die Tatsache kaum erklären, wie andere Teilnehmer immer noch Luft in ihren Lungen hatten. Meister dieser Disziplin war Rick (der scheinbar jeden Unterricht mitmacht?!), dessen animalische Laute beim Ausatmen mich noch mehr beeindruckten als seine Lungenkapazität. Eine weitere Herausforderung stellte eine Position dar, die ich an dieser Stelle aufgrund meines Unwissens einmal als Schlangenposition bezeichnen möchte. Dabei verschlingt man sowohl Arme als auch Beine ineinander, steht auf einem Fuß und geht dann in die Hocke. Die Schwierigkeit hierbei war nicht so sehr die Gelenkigkeit oder Balance, sondern das ständige Abgleiten meiner vollständig mit Schweiß bedeckten Gliedmaßen.

Ich war sehr froh, als die Stunde zu Ende war und mich unter die kalte Dusche stellen konnte.

Aufgrund meiner körperlichen Verausgabung und penetranten Rückenschmerzes entschied ich mich im Anschluss zu einer Thai-Massage im übernächsten Soi 19, welche ich bereits in der letzten Woche genossen und für ausgezeichnet befunden hatte. Die Schäden meiner Yogastunde konnten fast vollständig behoben werden. Jedem Bangkokreisenden kann ich die Masseuse mit den Wunderdaumen in der zur Massage eigentlich wenig einladenden Spa-Kette „Take Care“ nur empfehlen.

Ich wanderte noch ein bisschen in der Gegend um Asok herum, die sich in letzter Zeit aufgrund der Einkaufsmöglichkeiten, des kosmopolitischen Flairs und der Anbindung zu meiner Lieblingsgegend entwickelt hatte. Bangkok ist eine internationale Stadt, und vor allem in zentralen Bezirken in der Nähe des Skytrains liegt der Anteil westlich aussehender Passanten gefühlt bei 10%. (Ich gebe jedoch zu, dass diese Zahl aufgrund meines Fokus auf Expats vermutlich etwas hoch gegriffen ist.) So sind einige Viertel mit ihren westlich aussehenden Cafés, französischen Bäckereien und Import-Supermärkten merklich auf die Bedürfnisse eines westlichen Publikums zugeschnitten. Ich kritisiere das nicht, denn ich gehöre genau zur Zielgruppe – auch ich finde es super, wenn ich neben der Vielfalt an thailändischem Zubehör auch meinen deutschen Schinken oder ein Stück leckeres Brot essen kann. Ein Hurra auf die Internationalisierung!

Ich beendete meinen Ausflug nach Asok mit einem Mittagessen im riesigen Food Court meiner Lieblingsmall Terminal 21, die sich zu meiner Überraschung auch preislich als Highlight erwies. Alle Gerichte lagen bei 15 bis 45 Baht (0,37-1,12 €). So griff ich beherzt zu einer Suppe für 25 Baht, suchte mir einen Platz, löffelte drauf los und fand – ein Stück Gedärm auf meinem Löffel. Ich durchsuchte die Brühe weiter und stieß nacheinander auf ein mir unbekanntes Organ, ein grünliches Ei und getrockneten Tofu. Dies erinnerte mich an meine kulinarische Erfahrung des Vortages, bei der sich das leckere Curry als Schweinelebereintopf herausgestellt hatte. Man lerne – nicht jedes thailändische Gericht ist zu empfehlen; auch wenn die Mehrzahl zugegebenermaßen hervorragend ist. Ich beschränkte mich auf ein paar Nudeln mit Soße und beendete mein exploratives Mahl mit einem schmackhaften Bananenshake für 30 Baht.

Als ich mein Hotel an der Petchburi Road erreichte, entging ich so gerade noch dem Beginn des täglichen Regenergusses, der die Straßenränder mehrere Zentimeter tief unter Wasser setzte. Ich nutze das schlechte Wetter zum Abschluss meines Wellnesstages im gegenüberliegenden Spa mit dem zweifelhaften Namen „Number One“ mit einer Gesichtsbehandlung. Meine Hautunreinheiten blieben unverändert, aber meine auffällige Blässe nach der Behandlung ließ mich vermuten, dass ich heimlich gebleacht wurde. Denn so wie man bei uns mit Selbstverständlichkeit eine Feuchtigkeitscreme verwendet, kauft sich der Thailänder eine Whitening Creme, die manchmal mehr („whitening“) und manchmal weniger offen („pigmentation spots correction“) die Aufhellung der Haut bewirkt. Man kann sich die Vergeblichkeit meiner Suche nach Selbstbräunungscreme gut vorstellen.

3 Comments on Ganz Körper

  1. publicminx // 25/09/2012 at 12:01 // Reply

    great report!

  2. muenni // 01/10/2012 at 19:00 // Reply

    sehr unterhaltsam.mehr.
    versuchs mal mit Ashtanga Yoga.

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