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Grosses und Kleines


Anders als deutsche Städte neigt der mir bisher bekannte Stadtkern Bangkoks zu einer Kombination aus sehr großen und sehr kleinteiligen städtebaulichen Strukturen. Hochhäuser links, kleine Häuschen rechts – Megamalls hier, Straßenbuden dort. Einkaufsstraßen mit vielen mittelgroßen Läden scheint es nicht zu geben, diese wurden in wetterstabile Malls mit komfortablen Food Courts verlegt. Das Mittelgroße existiert, hat aber eher pragmatischen Charakter und tritt nicht in den Vordergrund.

Architektonisch sind die Bedeutungen klar verteilt: Das Große, Moderne steht für Zukunft und Prestige, das Mittlere für Gestrigkeit, das Kleine je nach Ausprägung für Armut oder museale Kultur.

Im Wohnungsmarkt wird klar das Große favorisiert. Jeder, der etwas auf sich hält, zieht in eine Wohnung in einem modernen Hochhaus. Der weniger Betuchte bezieht ein älteres low rise building – ein Auslaufmodell, dessen Höhe nur noch als townhouse neu aufgelegt wird. Der Unterschied zwischen „new building“ und „old building“ ist bei Wohnungsbesichtigungen stets allgegenwärtig. So soll man sich zu seiner Präferenz bekennen, als wenn die Zugehörigkeit zu einer Seite selbstverständlich vorab festgelegt sei.

Kleine Behausungen sind nur im Falle von historisch wertvollen, thailändischen Altbauten hochwertig, die teilweise sogar  aus anderen Teilen des Landes nach Bangkok transportiert wurden. Beispiele hierfür sind das Jim Thompson House oder das Anwesen eines Wirtschaftsmagnaten im Stadtzentrum. In der Regel jedoch sind einstöckige Häuser eher ärmliche Hütten, die oft in der zweiten Reihe der Straßenblöcke, hinter Malls oder Hochhäusern, zu finden sind.

Die alte Frau und die Hüttenstadt

Auf der Suche nach einer Abkürzung vom Großen (unser Hotel) zum Großen (einer Mall auf der anderen Seite des Blocks) landete ich neulich unverhofft in einer Hüttenlandschaft der zweiten Reihe. Was anfangs noch eine etwa 3 Meter breite Straße durch kleine Häuschen war, wurde mehr und mehr zum Trampelpfad, bis ich nach ein paar hundert Metern verworrener Wege quasi im Wohnzimmer einer ärmlichen Behausung stand. Ich fühlte mich unsicher und schüchtern und wollte wieder umkehren, als ich eine alte Frau entdeckte, die vielleicht die Bewohnerin des Hauses war, vielleicht aber auch die des Nachbarhauses – alles war so klein und verschachtelt, dass man es nicht mit Gewissheit sagen konnte. Ihr Gesicht spiegelte perfekt meine eigene Verwirrung wider. Wir sahen uns an, und als ich gerade beschämt umkehren wollte, teilte sie mir in Zeichensprache Folgendes mit: „Sei nicht verzagt, Anna – so heißt Du doch nicht? Ich sehe es in Deinen Augen. Wir müssen manchmal neue, unentdeckte Pfade gehen, um im Leben voranzukommen. Es mag manches mal ein Fehler sein und in eine Sackgasse führen, so wie bei mir – als junges Mädchen war ich ebenfalls auf der Suche nach einer Abkürzung auf die andere Seite, aber ich habe sie nie gefunden und mich daher hier niedergelassen. Aber ich sehe in Deinen Augen, dass es Dir anders gehen wird. Du hast Stärke in Deinem Herzen. Nimm nicht den Weg zurück, sondern schreite voran und schäme Dich nicht Deines Pfades!“ Und damit wies sie weiter geradeaus, in eine noch schmalere Gasse, die direkt zwischen zwei Räumen hindurchführte und in eine Sackgasse zu führen schien. Ich verbeugte mich, noch sehr verwirrt über die Möglichkeit eines solch elaborierten Austausches per Zeichensprache, dankte ihr und folgte der Richtung ihrer Hand.
Es war äußerst peinlich – stets musste ich mich nach links und rechts für das Eindringen in private Räumlichkeiten entschuldigen. Als ich am Ende des Weges angekommen war, schien der Weg lediglich auf einen kleinen Austritt über einem Kanal zu führen. Ein plötzlich an dem Austritt vorbeirasendes Mofa belehrte mich eines Besseren. Ich trat verblüfft hinaus und stellte fest, dass ich auf einer öffentlichen Kanalpromenade gelandet war. Meine Abkürzung hatte ich hiermit zwar nicht gefunden – die nächste Brücke befand sich erst an der Stelle, an der ich auch ohne Abkürzung überquert hätte – mein kleiner Exkurs war aber eine Reise wert. Nun aber zurück zu meinen Ausführungen.

Zurück zu meinen Ausführungen

Eine Ausnahme zur Regel des Großen und Kleinen scheint die Altstadt zu sein: Auf meiner gestrigen Taxifahrt durch Phra Nakhon fuhr ich fast ausnahmslos an niedrigen, älteren Gebäuden vorbei. Ich dachte mir, das könnte irgendwo in Europa sein. Die Altstadt tauchte jedoch als Wohnort in keiner Unterhaltung, keiner Wohnungssuchseite und keiner Wohnungsbesichtigung auf. Weder der Skytrain noch die Metro sind hier angebunden. Einen Auftritt fand sie in meiner Wahrnehmung bisher nur durch ihren touristischen Wert im Lonely Planet. Die mittleren Strukturen der Altstadt haben damit in Bangkok eher musealen Wert, die Zukunft liegt woanders.

Aus touristischer Perspektive ist die kleinteilige Geschäftswelt Bangkoks vor allem im Konsumkontext charmant. Mit viel Zeit macht es Spaß, die hunderte aneinandergereihter Straßenstände und Kleinstläden zu erkunden, die sich vor den großen Malls, auf dem riesigen Chatuchak Weekend Market oder in Chinatown ausbreiten.
Man bestaunt die Vielfalt der alltäglichen, exotischen, und absurden Gegenstände und die Art, wie sie von den Einheimischen feilgeboten werden. Man ist stolz, wie ein Morgenländer zu verhandeln und kauft allerlei Kram, den man bestimmt einmal gebrauchen könnte. Hier bieten sich die lebendigen Straßenbilder, die man aus Südostasien kennt und in seiner eigenen Heimat so vermisst. Es versteht sich von selbst, dass diese Einkaufsromantik nur mit viel Muße und Qualitätstoleranz zu genießen ist. Braucht man im Alltag schnell etwas Verlässliches, so wendet man sich dann doch lieber einer Kaufhauskette zu.

Chatuchak Weekend Market und Chinatown

Auch wenn man nicht gerne einkauft, sind beide Orte aufgrund der wuseligen Atmosphäre und der halb faszinierenden, halb überreizenden Sinnesflut einen Besuch wert.
Ursprünglich Großmarkt für Einheimische, ist Chatuchak über die Jahre zur Touristenattraktion geworden. Tausende Verkaufsbuden drängen sich auf 1,1 Quadratkilometer Fläche und bilden ein teilweise überdachtes Areal an undurchdringlichen, schlecht durchlüfteten Einkaufstunneln. Am Wochenende ist der Besuch der Freiflächen anzuraten. Von Hausrat über Spielzeuge, Lebensmittel, Mode bishin zu Antiquitäten und Lederwaren gibt es hier wirklich alles, was man sich vorstellen kann. Die einzige Begrenzung scheint die Größe der Waren zu sein, die sich auf Tragbares beschränken. Natürlich wurden Rama und ich gestern entsprechend schnell fündig und deckten uns mit ein paar Schuhen und Accessoires ein. Vom Essen in einem der überteuerten Restaurants auf dem Areal sei übrigens abgeraten, die Straßensnacks und vor allem der Iced Coffee dagegen haben wir für gut befunden.

Chinatown ist in vielerlei offensichtlicher Hinsicht nicht zu vergleichen. Die Wuseligkeit auf Thanon (“Straße”) Yaowarat samt Seitengassen mit ihren Ständen und kleinen Läden jedoch schon. Teilweise sind hier ganze Seitengassen von Marktständen eingenommen, und man verliert sich schnell und gerne in der Ansicht der getrockneten Tiere unbekannten Namens und undbekannter, teilweise schwer ertragbarer Gerüche. Permanent stellt man sich die Frage, ob ein Gegenstand nun essbar sei oder nicht, und wenn ja, wie man ihn bloß zu sich nehmen solle. Von der erhältlichen Menge und Vielzahl einiger Waren schloss ich, dass sie im Leben eines Thai-Chinesen wohl eine bedeutende Rolle spielen müssten und wunderte mich über deren gänzliche Unbekanntheit in meinem Lande. Dazu gehörten zum Beispiel gelbliche, etwa tellergroße Gegenstände, die getrockneten Naturschwämmen ähnelten.

Kleines ist possierlich, aber es ist meist langwierig und zehrend für Körper und Geist. Und so freue ich mich doch jedes Mal, wenn ich von einer undurchdringlichen Budenlandschaft in die klimatisierte Leere einer Luxusmail treten kann und dort genüsslich einen Starbuckskaffee zum Preis von drei Straßensnacks trinken kann.

1 Comment on Grosses und Kleines

  1. publicminx // 25/09/2012 at 03:10 // Reply

    Ein sehr schoener Bericht mit hohem Informationsnaehrwert, auch weil er zunaechst alles in einen sinnvollen Kontext setzt. Sehr erfreulich!

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