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Ladygirls und Ladyboys


Sex ist in Bangkok zugleich unsichtbar und allgegenwärtig. Die weibliche Kleidung ist auf merkwürdige Weise sowohl knapp als auch unschuldig, entkleidete Frauen auf Werbeflächen sehen selbst bei minimaler Bedeckung noch mädchenhaft züchtig aus. Beide Geschlechter wirken im Umgang zurückhaltend, und trotzdem ist der ständige Versuch der gegenseitigen Beeindruckung vor allem von weiblicher Seite aus nicht zu übersehen. Das zeigt sich zum Beispiel an der Wichtigkeit möglichst femininer Kleidung, dem Pudern des Näschens im Gespräch und der Menge an Schönheitssalons. Den Höhepunkt stellt natürlich der Sextourismus dar, der in der Gegend um Nana mehr als offensichtlich ist: Erstaunlich viele alleinreisende dickbäuchige Westler mittleren bis reiferen Alters flanieren hier an Läden mit Namen wie “Happy Massage” oder “Fun Parlour” und Ständen mit allerlei Sextoys und Viagra-Imitaten vorbei. Das Thema drängt sich auch in anderen Bezirken immer wieder dann auf, wenn einem ein ungleiches Paar aus rothäutigem Bierliebhaber und jungem Thaigirl begegnet. Aufschlussreich in diesem Zusammenhang ist übrigens auch die Ergebnisliste der e-Books zum Suchwort Bangkok bei Amazon. Allem bisherigen Anschein nach wird über dieses Thema jedoch öffentlich nicht viel geredet.

An der Sexualisierung der Stadt wäre an sich noch nichts ungewöhnliches. Auffällig ist jedoch die Dominanz des weiblichen Rollentypus – und zwar nicht nur bei Frauen, sondern auch bei Männern! Neulich auf einer typischen UN-Party, bei der hochbezahlte Beamte bei Sushi und 4 Seasons Kuchen über die Nöte der Welt plauderten (aber dazu später einmal), teilte mir eine frustrierte Mitarbeitern von Rama mit: “Es ist wirklich zum verzweifeln – in Thailand gibt es viel mehr Frauen als Männer, und deswegen enden viele Frauen ohne Mann. So wie ich”. Während sie resigniert einen großen Schluck vom importierten Sekt trank fragte ich: “Was meinen Sie denn mit viel mehr?” “Wirklich viel mehr – bestimmt 60 oder 70% der Thais sind Frauen.” Ungläubig und die biologische Unwahrscheinlichkeit bedenkend schaute ich unsere ebenfalls thailändische Gesprächspartnerin an, und diese bestätigte eifrig: “Es stimmt, und überall wo man arbeitet sind es nur Frauen. Nicht nur hier sondern auch bei meinem vorigen Arbeitgeber.” Die Frau mit dem Sekt nickte und ein Blick in die Runde bestätigte die Aussage zumindest für den jetzigen Arbeitgeber. Sie fuhr fort: “Und das Problem ist, dass die wenigen Männer dann nicht mal echte Männer sind.” Etwas erstaunt aber wissend suchte ich Bestätigung: “Ihr meint die Ladyboys?” Stilles Nicken. Ich versuchte einen abschließenden Scherz über die Möglichkeit einer Verbindung mit indischen Männern, die – allerdings aus anderen Gründen – in manchen Regionen ein ähnliches Schicksal teilen, ohne aber auf viel Euphorie zu stoßen. Ich vermutete, dass die braune Hautfarbe ohne Bleaching ein Ausschlusskriterium bei der Partnerwahl ist.

Ladyboys sind Transsexuelle oder qualitativ hochwertige Transvestiten, die oft kaum von Frauen zu unterscheiden sind – entweder, weil sie eine komplette Geschlechtsumwandlung vollzogen haben oder, weil der thailändische Mann optisch dem anderen Geschlecht näher kommt als in Deutschland. Während man in Berlin oder Köln relativ selten einen Fall von Geschlechtsmischung zu Gesicht bekommt, gehört der Ladyboy hier zum normalen Stadtbild. Genauso faszinierend wie ihre Häufigkeit ist die gesellschaftliche Akzeptanz der Ladyboys. An öffentlichen Plätzen sind keinerlei negative Vibrations gegenüber Ladyboys wahrzunehmen, und auch beruflich scheint es keine grundsätzlichen Hindernisse zu geben. Ich dagegen muss mich noch an die Selbstverständlichkeit gewöhnen. Sollte ich – die im Selbstbild Weltgewandte, Tolerante – etwa konservativer sein als das Volk der Kicherer, Königs- und Autoritätsanbeter, der Schreine und Religionen? Traditionalismus und sexuelle Offenheit scheint in Thailand zusammenzupassen, so zumindest der erste Eindruck.

Was machen nun die um den Rest der Männer konkurrierenden Frauen? Sie streben gen Ladygirl mit japanischem Chiffonkleid und blütenweißer Haut. Wer es sich leisten kann, besucht Schönheitssalons und lässt sich die Haut bleichen, inzwischen übrigens auch unten rum. Dicke oder unattraktive Frauen könnten es hier schwer haben. Ein Indikator ist der Wortgebrauch im Umgang mit Übergewichtigen: Der einzige mir untergekommene Laden ohne schlanke Einheitsgrößen hieß “Fat Beauty” und wie mir von einer Einheimischen mitgeteilt wurde, wird beim Aufziehen des Essverhaltens von Übergewichtigen kein Blatt vor den Mund genommen. Ob das Ausgrenzung oder angenehme Abwesenheit von Political Correctness ist muss ich noch herausfinden.

Als Schönheitsideal gilt hier übrigens wie auch in Indien der möglichst unthailändische Thai mit heller Haut und möglichst unschlitzigen Augen. Werbemodels sehen aus wie Thai-westliche Mischlinge, manchmal aber auch gar nicht südostasiatisch sondern vorderasiatisch oder westlich. Zart und zierlich muss die Frau sein. Der Mann muss seine Männlichkeit nicht mehr sonderlich unterstreichen, sondern nur smart aussehen – bei all dem Weiblichkeitswahn der Frauen und Ladyboys reicht das als Alleinstellungsmerkmal.

Man fragt sich, warum Sex in Thailand derart weiblich besetzt ist. Die mädchenhafte Ästhetik der Frauen ließe sich kulturell und als Abgrenzung des fast ebenso zarten anderen Geschlechts noch erklären. Aber warum werden ausgerechnet in Thailand Männer massenhaft zu Frauen? Das Phänomen bedarf auf jeden Fall weiterer Erforschung.

PS: Fact check zum Frauenanteil in Thailand: Wie in jedem anderen Land auch liegt es bei etwa 50% – es muss also aus anderen Gründen zum wahrgenommenen Männermangel kommen.

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