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Grenzüberschreitung


Plötzlich wache ich auf. Die Luft ist dumpf und feucht und bewegt sich rhythmisch. Es ist dunkel, und draußen bellen Hunde. Scheinbar ist die Klimaanlage ausgegangen. Ich frage mich, woher der Wind kommt und warum ich die Hunde von der Straße im Hochhaus so laut höre. Etwas juckt auf der rechten Backe, ein Insekt hat mich gebissen. Noch nie hat sich ein Moskito in mein Hotelzimmer verirrt.

Ich bin verunsichert, sehe mich um, meine Augen brauchen eine Weile, bis sie sich an die Dunkelheit gewöhnt haben. Dann sehe ich: Ich bin nicht im Hotelzimmer. Mein Körper produziert unwillkürlich Adrenalin, ich erlebe die hellwache Klarheit des zu spät Aufgewachten. Der erste Schock weicht ein bisschen, als ich realisiere, dass ich den Raum kenne. Es ist das Schlafzimmer in der Wohnung der Mutter meines Freundes. Indien. Indien?

Vielleicht schlafe ich noch. Ich hatte vor einigen Jahren meinen ersten „lucid dream“ – ein Traum, in dem man weiß, dass man träumt – und seitdem öfters bewusst damit experimentiert. Das hier ist aber kein Traum; denn dort habe ich einen unfokussierten Fischaugenblick, nichts ist wirklich klar und lange zusammenhängend. Jetzt aber sind alle Sinneseindrücke glasklar – ich sitze ich auf dem Bett, verschwitzt, das Laken hat sich in meinem Zurückschrecken um mich gewickelt. Der Ventilator über mir dreht sich, ich erkenne verpixelt einige Gegenstände im Raum.

Im Nebenraum ist ein Schnarchen zu hören. Anstatt mich zu erschrecken, beruhigt es mich – ich bin also nicht verrückt, denn hier ist noch irgendwer. Ich überlege, wie das alles Sinn machen könnte. Es macht keinen Sinn. Ich bin in Bangkok eingeschlafen, was tue ich hier bloß. Hauptsache, nicht die Kontrolle verlieren – ich sorge jetzt mal für Klarheit. Ich mache das Licht an und gehe resolut in den Nebenraum – Ramas Mutter wacht auf und sieht mich irritiert an. Ihr Blick drückt Ärger aus, sie sagt aber aus Höflichkeit nichts.

„Was ist los?“ „Was mache ich hier?“ „Das frage ich mich auch. Du scheinst verwirrt, geh zurück ins Bett. Vielleicht hattest Du einen Albtraum.“ „Nein, das hier ist der Albtraum, was soll das alles? Ich war eben noch in Bangkok!“ Ich verschaffe meinen Worten mit weit geöffneten Augen und gestikulierenden Händen Nachdruck. Sie schaut beleidigt. „Meinst Du, dies ist die geeignete Zeit und Art und Weise, dies zu besprechen?“ „Aber es ist doch ein Notfall!“ „Du hältst das hier also für einen Albtraum? Ich koche seit Tagen für Dich, gebe Dir mein Bett und stelle Dich meiner Familie vor, und Du weckst mich nachts auf und beschimpfst mich?“ „Ich soll seit Tagen hier gewesen sein? Nein nein nein, das ist doch das Problem: Ich bin eben erst in Bangkok eingeschlafen. Ich bin erst seit eben hier und weiß nicht wie!“ Nach ein paar Sekunden starren fängt sie an zu lachen. „Ach, das kenne ich von meinen Kindern. Albträume. Komm, ich mache Dir einen Tee.“ Sie steht beschwerlich auf und geht in die Küche. „Ich kenne Albträume. Ich weiß auch, wie sich das anhört. Vielleicht bin ich gestern eingeschlafen, dann kam ein Anruf, der mich dazu bewegt hat, den nächsten Flug nach Chennai zu nehmen. Und der Inhalt des Anrufs oder überhaupt das überstürzte Abreisen haben mich irgendwie geschockt, sodass ich seitdem alles vergessen habe.“ Ich erinnere mich an diverse Romane und Filme. Meine Schwiegermutter bereitet unbeirrt den Milchtee zu. Ich rede weiter auf sie ein und teile unterschiedliche Theorien mit ihr. Ihr Gesichtsausdruck geht von mütterlichem Lächeln in zusammengezogene Augenbrauen über. „Anna, mach Dir nicht so viele Gedanken. Du bist seit 5 Tagen hier, Du kannst auch Bama oder Ammou fragen, oder Rama.“ „Rama ist auch hier?“ „Ja, wie geplant.“ „Wie geplant?“ Sie antwortet nicht, gibt mir einen silbernen Becher Tee und geht wieder zurück ins Bett. „Hier, schenk’ Dir nochmal nach. Geh’ ins Bett, wenn Du aufwachst wird wieder alles in Ordnung sein. Verwirrt und willenlos gehe ich mit Turban ins Bett. Die Runden des Ventilators schläfern mich ein.

Am nächsten Morgen ist nichts in Ordnung. Keine plötzliche Erinnerung meiner Überführung von Bangkok nach Chennai, und auch nicht mehr Verständnis meiner Schwiegermutter. Sie sitzt jetzt vor dem Fernseher und möchte nicht weiter diese alberne Unterhaltung mit mir führen. „Wo ist denn Rama?“ „Er ist im Moment nicht hier.“ „Ja, aber wo ist er?“ „Er ist mit seinen Schwestern einkaufen gegangen.“ Ich frage mich, wo er geschlafen hat und warum wir uns nicht gesehen haben, bevor er ausgegangen ist. Ich rufe ihn an – ich höre dieselbe Story von ihm in einer ausführlicheren Version. Wir seien seit 5 Tagen hier, das haben wir doch auch alles geplant, Liebling, und wie es denn sein könne, dass ich mich an nichts erinnere. Er macht einen Scherz über mein schlechtes Gedächtnis, aber es ist ein sorgenvoller Ernst in seiner Stimme. Ob ich das alles ernst meine, und was denn mit mir los sei. Ich zweifle langsam wirklich an meinem Verstand. 5 Tage, warum ausgerechnet 5 Tage, das sagt mir doch was.

Ich bitte Rama, einen Termin bei einem Arzt zu machen. Er schickt mich sowohl zum Psychologen als auch zu einem Hirnspezialisten. Ramas Fürsorglichkeit rührt mich. Der Psychologe sagt, ich mache einen gesunden und rationalen Eindruck. Ich gucke überrascht, als Scherz, der Arzt geht aber nicht darauf ein. Vermutlich leide ich unter Stress und habe eine Art traumatische Amnesie. „Trauma von was?“ „Das müssen Sie mir sagen.“ „Es ist überhaupt nichts Schlimmes passiert in den letzten Tagen. Im Gegenteil. Ich war in Bangkok, habe für meinen Blog einen Text namens „Im Hotelzimmer“ geschrieben, hab mit ein paar Lieferanten gemailt, hab mit Freunden gesprochen. Ich hab nicht viel unternommen, aber es war alles OK.“ (Dass ich das Zimmer tagelang nicht verlassen hatte, wollte ich unter den Umständen des bestehenden psychopathologischen Verdachts nicht an die große Glocke hängen.) „Das heißt Sie haben Erinnerungen, aber an andere Ereignisse?“ „Ja. Dann kann es doch wohl keine Amnesie sein?“ „Eigentlich nicht.“ „Was heißt hier eigentlich?“ „Auf dem Feld ist vieles unerforscht.“

Der Arzt sieht Rama, der mit zunehmend gerunzelter Stirn neben mir sitzt, fragend an und sagt etwas auf Tamil. Rama antwortet etwas auf Tamil und ich denke mir nebenbei, dass ich diese Sprache niemals erlernen werde. „Was?“ „Ich habe dem Arzt gerade bestätigt, dass diese Dinge nicht stattgefunden haben.“ „Du sagst, dass sie nicht stattgefunden haben.“ „Bitte, Schatz, wir waren doch zusammen.“ Er blickt auf den Boden. Der Arzt verschreibt mir irgendetwas, was ich täglich morgens und abends nehmen soll. Etwas auf Pflanzenbasis, ich nehme es nicht ernst. Ich muss an den Wissenschaftler denken, der während seines Komas phantasiert hat. Der Hirndoktor bemerkt nichts Auffälliges.

Ich rufe meine Mutter an, meinen Bruder, Trans. Alle bestätigen Ramas Geschichte und schließen sich der Theorie der Amnesie an. Trans findet das Ganze wiedermal einfach nur interessant und stellt lauter Fragen „wie sich das so anfühlt“. „Ist doch spaßig, so ein Realitäts-Switch.“ „Vielleicht im Kino, bei David Lynch, oder auch im Buch bei Kafka oder Murakami oder Auster oder so, nicht im echten Leben!“ „Naja, Du musst Dich mal von Deinem engen Realitätsbegriff lösen“. Ich werde aggressiv und werfe ihm irgendetwas vor. Er ist aber schon mit seinen Gedanken woanders und murmelt etwas von Paralleluniversum.

Pamina hatte mich schon zu Zeiten meines selbstverordneten Hausarrests im Scherz darauf hingewiesen, dass ich ihr Bescheid geben solle, wenn ich mich in einen Käfer verwandle. Mir kommt das hier noch alles schlimmer vor. Ähnlich wie bei Kafka ist jedoch das relative Desinteresse meines Umfelds, denn keiner nimmt meine Situation so richtig ernst. Die einen glauben an die medizinische Erklärung der Amnesie und meinen, ich solle mich nun damit abfinden. Ja, es sei komisch, aber das passiere halt nicht immer nur den anderen. Ich frage mich, welchen anderen so etwas schon einmal passiert sein soll. Andere halten das Ganze für eine Art literarische Inszenierung und ich glaube, es nervt sie fast ein bisschen. „Typisch Anna“ höre ich sie tuscheln.

Aber genug des Selbstmitleids. Die gute Nachricht ist, dass ich mich an alle Ereignisse seit meinem Erwachen erinnern kann. Bis davor bzw. zumindest 5 Tage davor auch. Ich versuche nun, dies als verschmerzbaren Verlust meiner Lebenszeit zu betrachten und schenke der fünftägigen Parallelwelt nicht weiter Beachtung. Vermutlich haben die anderen Recht, man muss ja nach dem Wahrscheinlichen gehen. Wenn alle dasselbe sagen, dann habe vermutlich ich Unrecht.

Ich bin immer noch in Indien. Gerade sitze ich im wackelnden Zug Richtung Bangalore, um meinen Freund Joseph zu besuchen. Alle paar Minuten kommt ein anderer blau uniformierter Mann vorbei, der in monotonem Ton diverse Snacks feilbietet. Der Mann neben mir macht sich breit und okkupiert – wie es die Art aller Männer weltweit ist – die Armlehne. Er kaut seine Tomatensuppe. Fünf Meter vor mir sitzt eine Frau, die mich seit 3 Stunden ununterbrochen anstarrt. In Indien ist sowas gängig. Ich friere, da der Zug wiedermal auf gefühlte 5 Grad klimatisiert wurde. Mein Magen macht mir Probleme, es war wieder irgendetwas verdorben was ich gegessen habe. Es ist Alltag eingekehrt, wenn auch in Indien.

Die Zeit vertreibe ich mir mit Schreiben und Surfen mit einem Surfstick, den Rama und ich für unsere Reise in Indien gekauft haben. Ich überlege mir, welchen Reisebericht ich als nächstes veröffentlichen soll und besuche meinen Blog. Und ich sehe: „Im Hotelzimmer“ ist da, online und für alle zu sehen.

1 Comment on Grenzüberschreitung

  1. Johannes // 10/11/2012 at 07:49 // Reply

    Wow, echt starker Post! Hoffe keine Langzeitfolgen?

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