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Farang-Welten


Bangkok hat Wolkenkratzer, Skytrains, Klimaanlagen, Megamalls, Rooftop Bars und Riesenscreens, die die Skyline erleuchten. In mancherlei Hinsicht ist es das New York des Ostens. Bangkoker verhalten sich dementsprechend wie jeder andere Kosmopolit: Frauen schminken sich und ziehen ihre hochhackigen Schuhe an, und nach der Arbeit gehen sie noch zur Fußmassage, Maniküre oder ins Fitnesscenter. Auch Männer kleiden und verhalten sich westlich, so wie wir es kennen. Man geht zu Starbucks, holt sich Bubble Tea auf der Straße und am Wochenende geht man shoppen. Als Zugezogener beobachtet man das Treiben und freut sich, unter Seinesgleichen zu sein. Mit Bewunderung betrachtet man die vielen modischen Outfits und das perfekte Makeup der Frauen und möchte sich gerne etwas abgucken.

Bis ein europäischer Tourist des Weges kommt. Bisher hatte man nicht bemerkt, dass man in der Fremde ist, doch die Funktionskleidung des Touristen erinnert einen: Thailand, das ist der ganz ganz ferne Osten, das Klima ist unerträglich, das Essen unbekannt, die Menschen folgen merkwürdigen Riten, und nur die überall lauernden Krankheiten sind noch tödlicher als die Insekten. Kokosnüsse, frittierte Insekten, Sojasauce, Buddhas, Yoga, Kolonialhäuser und Vietnamkrieg (ach nee, das war eins weiter) – charmante Zurückgebliebenheit.

Wer nicht unter die Riksha geraten will, bereitet sich vor Antritt dieser Stadtsafari also lieber entsprechend vor. Der informierte Mann von Welt weiß, dass hierzu zuvorderst ein Besuch bei Globetrotter gehört. Denn nur atmungsaktive Kleidung in Tarnfarben ist einer Reise nach Bangkok angemessen. Die normalen Sommerschuhe werden dem besonders harten Beton der fernöstlichen Bürgersteige sicher nicht standhalten, daher gehört ein paar Trekkingsandalen ebenfalls zum Muss der Ausrüstung. Der Rucksack soll allzeit bereit vor dem Leibe hängen, daher sollte auch hier nicht am Geld gespart werden und zu Deuter oder Wolfskin gegriffen werden. Man weiß nie, wann im Dickicht der Garküchen und TukTuks der Reise-Gaskocher, der Schal, das Fernglas oder die Regenjacke zum Einsatz kommen muss.

Natürlich gibt es auch die Lässigeren, die jungen Städter, die meinen, schon alles gesehen zu haben. Man hat The Beach geschaut und schätzt die asiatisch-buddhistische Kultur, von der man einmal gehört hat. Hier gilt oftmals das Motto – feel hippie, dress hippie. Das Repertoire reicht von Regenbogenfarben über Batikshirts bishin zu Bob Marley meets Crogs. Nur Touristen tragen so etwas. Andere fühlen sich so wohl, dass sie in ihrer Hauskleidung auf die Straße gehen (feel cool, dress down). Die meist unästhetische Kleiderwahl fällt besonders im Vergleich zum stets gepflegten Thai auf; denn zumindest optisch lässt sich hier kaum einer gehen.

Zwischen dem Typ Stadtsafari und dem Typ Dress Down gibt es nur wenig. Wer sich hier normal kleidet, der ist entweder Geschäftsreisender, Expat oder – interessantes Detail – Sextourist. Die bodenständigen Bedürfnisse der Letzteren zeigt sich offenbar auch im Realismus deren Kleidung.

Gleichzeitig möchte der Tourist sich integrationswillig zeigen, ja, er möchte sich gar fühlen wie ein Eingeborener – share the experience. Neulich hat sich folgende klassische Szene zugetragen:
Die Asok-Filiale der bekannten Restaurantkette Took Lae Dee (übersetzt “billig und gut”), Mittagessenszeit, hier treffen sich Bangkoks Angestellte zum Lunch. Ein deutsches Paar mit abgestimmtem Farbcode (khaki und ocker), den obligatorischen Trekkingsandalen und Bauchtaschen berät sich länger und bemüht zurückhaltend über den Ort und dass man ihn im Internet gefunden habe. Hier isst man also. Beide schauen sich etwas schlecht gelaunt um, vermutlich sind sie erschöpft von der local experience. Das Papiermenü ist etwas überfordernd, die Gerichte kennen sie nicht so von ihrem Thailänder um die Ecke. Da ergreift der Mann die Initiative und ruft den Kellner zum Interview. Man geht die einzelnen Gerichte durch. Nachdem dies offenbar zu keinem Verständnis, zumindest aber zu keiner Entscheidung geführt hat, fragt der Mann mit deutscher Genauigkeit: “Wott iss se tüppikal fuut?” Der Kellner begreift nicht. “Wott du moost piepel iet?” Der Kellner wird etwas verlegen, er versteht einfach nicht worauf der Mann hinaus will. “For exaampel, iss diss tüppical?” Er zeigt auf ein Gericht. Endlich begreift der Kellner: “Ahhh, ju wann diss?” Er grinst und notiert sich die Nummer. “No, no, no, no, no” – es hört sich wie ein Maschinengewehr an. “Sammssing tüpical, ju noh?” In dem Moment mussten wir leider selbst bestellen und ich verstand den Rest nicht mehr. In der Zwischenzeit einigte man sich offenbar. Als Getränk wählte das Paar thailändisches Bier der Marke Singha, nicht ohne die Frage nach der genauen Milliliter-Anzahl zu vergessen. Der Kellner musste in die Küche und wieder zurück, um die Frage zu beantworten. Beide Parteien waren nach Beendung dieser Transaktion sichtlich erleichtert.

Aber auch Hinzugezogene wie ich zeigen ihre eigenen Manierismen. Zwar ist man international erfahren und abgeklärt genug, um sich keine modischen Fehlgriffe zu leisten. Doch ein auffälliges Verhalten kann man sich manches mal dann doch nicht verkneifen.

Der zugezogene, weiße Mann gehört in Thailand oft automatisch zur Oberschicht. Das liegt entweder an seinen Englischkenntnissen, die ihn nur mit gut ausgebildeten Thais in Kontakt bringt, oder an seinem höheren Gehalt, oder am schlichten Rassismus der Thais, die dem Westler mit strahlender Haut einen höheren Respekt zollen als ihresgleichen. Hinzu kommt die überbordende Freundlichkeit und Serviceorientiertheit der Thais, die die Hände nach jedem Supermarkteinkauf aus Dank wie zum Gebet zusammenlegen, die Einkäufe einpacken, nach Hause liefern, einem für ein paar Euro die Füße massieren und einem mit einer tiefen Verbeugung die Tür aufmachen. Nach einer Weile dieser ungewohnt royalen Behandlung fühlt man sich entitled und erwartet diese besondere Aufmerksamkeit, vor allem Frauen merkt man dies an ihrer betont königlichen Körperhaltung und ernstem Blick im Umgang mit Personal an. Wenn einem mal nicht die Tüten getragen werden, regt sich schon fast die innere Empörung.

Selbst ein deutscher Kleingeist ist hier – zumindest gefühlt – wer, und das zieht sowohl Touristen als auch Expats nach Thailand. Während sich Guidos Milieu in Deutschland auf die nächste Eckkneipe beschränkt, sitzt er hier in schicken rooftop bars und lässt sich von hübschen Thaigirls bedienen. Die vor neuem Selbstbewusstsein stolz geschwellte Brust des ein oder anderen mittelalten Mannes ist nur schwer zu übersehen. Für die meisten ist es nicht die local experience, die Bangkok charmant macht, sondern die Aufwertung des eigenen Ranges (siehe hierzu mein letzter Beitrag). Das erklärt auch, warum die meisten Westler gar kein Interesse an thailändischen Freundeskreisen haben – man hat es doch gut, so unter sich, und verweilt daher lieber in seiner Expat-Parallelwelt. Kontakt mit Thais hat man doch – mit Kellnern, Kosmetikern und anderen Bediensteten. Wenn ich mich selbst so beobachte denke ich – das kennt man doch aus Deutschland auch, diese Abspaltung der Ausländer – und jetzt bin ich einer von ihnen. Ganz vergleichbar ist es natürlich nicht, denn anders als der türkische Einwanderer weiß ich sehr genau, dass ich hier nur ein paar Jahre bleibe. Integration macht also nicht denselben Sinn. Trotzdem bleibt ein Stück Nachvollziehbarkeit.

Der weiße Mann wird hier Farang genannt – das ist ursprünglich persisch und bedeutet “der Andersfarbige”. Man erinnere sich an das Händlervolk bei Star Trek. Der Westler gibt sich zwar integrationswillig, aber eigentlich mag er diese Differenzierung. Man möchte gerne an seiner eigenen Vorstellung des rückständigen Thais festhalten, und so wirft man sich entweder den postkolonialen Safarilook über, downgraded seine Kleidung oder verhält sich wie ein Mitglied der königlichen Familie. Wer Farang ist, der ist wer.

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