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Mr. Bean und der Krieg


Ich widme den Titel dieses Berichts dem Reiseführer meines gestrigen Ausflugs zu den Viet Cong-Tunneln außerhalb Saigons – denn nicht die Besichtigung, sondern er war die eigentliche Attraktion des Tages. Seine Erklärungen zum Krieg und Ausführungen zur eigenen Biographie begannen um 8:30 morgens im Reisebus und nahmen bis zur Wiederankunft in Saigon nach sechs Stunden kaum ein Ende.

Die Geschichte des Mr. Bean

Unser Tourguide ist 62, Vietnamese, hager und hat eigentlich einen unaussprechlichen Namen. Wir sollen ihn Mr. Bean nennen. Er sei amerikanischer Vietnamkrieg-Veteran. Amerikanischer? Ja, amerikanischer. Wann er nach Amerika gegangen ist, lässt er offen – bekannt ist nur, dass er 1969 (er muss 19 gewesen sein) nach Vietnam in den Krieg ging. Als Navy Officer für die Amerikaner (manchmal sagt er Army, manchmal Navy, manchmal ist er auch Pilot gewesen). Das erkläre auch seinen amerikanischen Akzent, und überhaupt spreche und verstehe er besser Englisch als alle im Bus (seine grammatikalisch inkorrekten Sätze sind primär von einem vietnamesischen Akzent eingefärbt, gemischt mit der losen Zunge des Amerikanischen). Nur für den Krieg sei er damals zurück gekommen, und hier wegen seiner Mutter geblieben. (Später erzählt er, seine Mutter habe er während des Krieges nie getroffen, und als der Krieg vorbei war, war sie schon tot.)

Man könne ihn auch einfach “im Internet” finden, er verweist außerdem auf mehrere Bücher, in denen sein Konterfei zu sehen sei. “Der mit dem Helm, das bin ich”. Sein Buch “Three Moons in Vietnam” werde bald rauskommen (es stellt sich später heraus, dass ein Reisebericht mit demselben Namen bereits vor 5 Jahren erschienen ist, von einer Autorin namens Maria Coffey).

Seine Mutter war Vietnamesin, sein Vater Phillipino – das erkläre, warum er so hässlich sei (lachen). Diese durch gemischtes Genmaterial entstandene Hässlichkeit hat sich aber offenbar erst mit dem Alter ergeben, denn später erzählt er, dass er in jungen Jahren ein Herzensbrecher gewesen sei und dutzende Freundinnen in Amerika hatte – in Californien, Philadelphia und New York City. Er habe damals gerne in Bars gesungen, darauf standen die Frauen. Anscheinend war Mr. Bean nicht nur nicht schulpflichtig, sondern auch frühreif.

Er habe vier Schwestern, mit denen er während des Krieges den Kontakt verloren hat. Eine davon habe sich wohl mit seinem Geld (100.000 Dollar in Form eines Goldbarrens) aus dem Staub gemacht. Er habe alles verloren und hätte später in Vietnam nichts werden können, weil man ihn fünf Jahre ins Gefängnis steckte und danach als “American puppet” abstempelte, der nirgendwo einen Job bekam. Er hätte zwar einfach nach Amerika gehen und dort eine Rente kriegen können, vor allem auch dem Gefängnis entgehen können. Aber er mochte das amerikanische Essen nicht. Außerdem habe er immer eine vietnamesische Frau gewollt, weil die besser kochen können. Und das sei alles, was er von einer Frau erwarte. Seine jetzige Frau sei hässlich, aber sie könne gut kochen, das sei genug.

Die Erzählungen wurden in regelmäßigen Abständen von folgenden Stilelementen gespickt:
– You get it?
– You want to hear it? (Höfliches Nicken)
– You know or not? (Nach einer Weile bin ich halb eingeschlafen und schaute dämmernd aus dem Fenster, und immer wenn dieses “or not” kam, was sich aufgrund seines Akzents wie “Anna” anhörte, schreckte ich wie ertappt auf)

Nachdem wir bereits im Bus diverse Kriegsstatistiken, Kriegstechniken, amerikanische Abkürzungen und Victory-Zeichen erlernt hatten, brachte uns Mr. Bean auch vor Ort bei den Tunneln einige taktische Kniffe bei, indem er mit einem Kuli strategische Linien in den Boden zu ziehen versuchte. Er erklärte uns, dass die Napalmbomben den Lehm der Tunnel noch fester gemacht habe. Wie die Freiheitsstatue, die er von seinem Fenster in New York City aus gesehen habe (die Vorstellung einer aus Lehm erbauten Freiheitsstatue amüsierte mich). Er fragte uns, ob wir den Film Platoon gesehen haben, da seien die Tunnel ja auch vorgekommen – das habe sein guter Freund Oliver Stone sehr schön dargestellt. Dem Commander gegenüber habe er auch immer mit Tips und Tricks weitergeholfen, weil er ja die dummen Tricks der Vietnamesen kannte.

Mr. Bean war jedenfalls ein Phänomen, und alle angesprochenen Reisenden waren sich mit mir sowohl bezüglich des Wahrheitsgehalts als auch bezüglich des Unterhaltungswertes einig. Ich glaube, dass Mr. Bean meine sarkastischen Kommentare mitbekommen hat, das Abschlussfoto mit mir hat er jedenfalls ein bisschen widerwillig gemacht. Fotos und Videos finden sich auf der entsprechenden Seite meines Blogs.

Abgesehen von unserem Guide war der Ausflug aber übrigens auch interessant. Nachdem wir auf dem Hinweg zusammen mit mehreren Busladungen anderer Touristen durch eine “Behindertenwerkstatt” getrieben wurden, in der nach meinem Urteil ganz normale Arbeiter geschmacklose vietnamesische Deko-Elemente bastelten, kamen wir bei den Tunneln um die Mittagszeit an. Man stelle sich einen Wald mit einigen Löchern im Boden sowie Bambusbuden mit Ausstellungselementen vor. Neben den strategischen Ausführungen zur Erbauung der Tunnelanlagen (insgesamt übrigens 250 km!) und dem taktischen Verhalten bei amerikanischen Ausräucherungs-Aktionen lernten wir anhand von mechanischen Puppen auch etwas über die Herstellung und die verschiedenen Arten von Booby Traps (nicht zu verwechseln mit dem weiblichen Busen, wie Mr. Bean mehrfach grinsend wiederholte). Die Tunnel selbst sind etwa 40 cm breit und vielleicht 1 m hoch, und soweit ich mich erinnere nur alle 20 Meter belüftet. Nichts für Klaustrophobiker; andererseits hatte man im Krieg wohl kaum eine Wahl.

Bis wir als Gruppe von 15 Leuten einen 40 Meter langen Tunnel selbst betraten, hatte ich mich nicht für einen Klaustrophobiker gehalten. Dort unten wurde mir dann aber ganz anders. Im Entengang gehend, von Lehmwänden umgeben, mit stickiger Luft und kaum Licht, nicht wissend, welche Abzweigung wo hin führt. Vor allem aber das Wissen, dass vor und hinter einem mehrere Menschen waren, die man nicht überholen konnte, man im Zweifel also nicht einfach fliehen konnte. Obwohl die Tunnel, wie uns später mitgeteilt wurde, anscheinend für Touristen noch extra etwas erweitert wurden, war die Enge des Raums kaum zu ertragen. Ich war froh, als ich dort raus war und stellte mir das jahrelange Untergrundleben in den vollgestopften und teilweise mehrschichtigen Tunneln als absolute Hölle vor.

Das Mittagessen und Drinks am Abend verbrachte ich mit einem italienischen und schwedischen Touristen, die auch allein unterwegs waren und das alleine Ausgehen ähnlich langweilig fanden wie ich. Meine Erkenntnisse dieser Erfahrungen:

– Es gibt so etwas wie schlechtes Essen in Vietnam, es ist nicht so, als würde man überall einfach nur köstliches Essen bekommen – das gilt vor allem für das Touristenviertel (wie man sich ja schon denken kann). Nach meiner bisherigen Erfahrung kriegt man an der Straße besseres Essen als in den für vietnamesische Verhältnisse teuren Touristenschuppen.
– Tourismus ist schon etwas komisches. Den Abend verbrachte ich mit den beiden Herren an einer Straße bei mir um die Ecke, deren Volk nur aus Touristen bestand. Vietnamesen traten nur als Personal der Bars oder Restaurants auf. Es war also eine Art gegenseitige Bespaßung von Touristen in gefühlt vietnamesischem Kontext. Durch unsere Sitzanordnung (wie im Theater gen Straße aufgestellte Plastikstühle) machte den Akt des gegenseitigen Beobachtens noch expliziter. Mein italienischer Mitreisender konnte das Ironische dieser Situation nicht nachvollziehen, und auch nicht meine weisen Bemerkungen zum Thema “Tourismus findet nur im Kopf statt”.
– Irgendwann wiederholt sich alles. Ich merke immer mehr, dass ich das Interesse an typisch touristischen Besichtigungen verliere. Das gilt insbesondere für Tempel oder Kirchen. Nach Besichtigung des fünften Gebäudes mit ähnlicher Architektur, und teilweise inzwischen schon nach Ansicht derselben auf einem Foto, kann ich mir oft den Rest schon denken, und die Praxis gibt dem meist Recht. Die rein physische Bestätigung des geistigen Konzepts gibt mir immer weniger. Anstatt dessen ergehe ich lieber Orte, beobachte Menschen und das alltägliche Rumkramen.
– Ich habe Zweifel bezüglich der Kompetenz italienischer Ärzte. Am Abend fragten der Schwede und ich den Italiener, was eigentlich mit seinem Daumen sei (das obere Glied fehlt, dafür endet der Finger in einem überproportionalen Wulst). Er erzählte von seinem Unfall als einjähriges Kind und der darauf folgenden Behandlung: Anstatt den Daumen sauber zuzumachen oder bei Bedarf mit einem Stück später unbehaarter Haut von einer anderen Körperteil zu schließen, schnitt man das arme Kind am Bauch auf und steckte den Stumpf des Daumens 6 Wochen lang in die Bauchdecke, damit die Bauchhaut von allein auf den Finger wachse! Beim Hören dieser gräulichen Geschichte fehlten mir die Worte. Er musste nicht erst noch hinzufügen, dass die Prozedur aus Erzählung von Verwandten wohl sehr schmerzhaft und unangenehm gewesen sein muss. Der heute 28jährige hat nun nicht nur eine Narbe am Bauch, sondern auch einen unmenschlich aussehenden Daumen mit behaartem Ende.

Aufgrund meiner Ablehnung gewöhnlichen Sightseeings, meiner Unwilligkeit, hässliche Mitbringsel zu kaufen und meinem seit einigen Monaten bestehenden unstillbaren Appetit werde ich meinen Kurzurlaub heute Nachmittag in Begleitung des Schweden mit einer Tasting Tour weiterführen: Auf dem Rücksitz eines Mofas werden wir vier Stunden lang durch Saigon kutschiert, um 12 verschiedene typische Straßengerichte auszuprobieren. Das wird ein Fest! Ich bemühe mich bis dahin, meinen Essenskonsum zu regulieren, was kein einfaches Unterfangen ist. Ich werde euch berichten.

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