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12 Gänge mit dem Mofa


Heute berichte ich euch live – und wiedermal essend – aus dem ABC Café auf der berühmten Straße Pham Ngu Lao von meinem gestrigen kulinarischen Erlebnis, das ich jedem Saigon-Besucher wärmstens empfehlen kann.

Die zwei Damen von Tiger Tours holten meinen mitreisenden Schweden mit dem pompösen Namen Magnus und mich vor meinem Hotel ab und fuhren uns anschließend auf ihren Mofas vier Stunden lang durch das Verkehrschaos der Stadt zu 3 lokalen Geheimtip-Restaurants mit jeweils etwa 4 Gerichten. Außer uns beiden war keiner dabei, wir genossen also die exklusivste Aufmerksamkeit unser jeweiligen Guides: So bereitete mein persönlicher Guide während des Essens nicht nur mundgerechte Happen für mich vor und erklärte alle Zutaten der Gerichte, sondern gab mir während der Fahrt quer durch die Stadt auch interessante Informationen zu Saigon und lokalem Alltagsleben. Hier ein paar Auszüge dieser vielen kleinen Erkenntnisse und Wissensbisse:

– Saigon ist eine große Stadt. Das hätte ich anhand der Einwohnerzahlen auch vorher wissen können, gefühlt habe ich diese Größe aufgrund der eher kleinen Baustrukturen aber nicht. Erst beim Durchfahren mit dem Mofa zeigte sich das wirkliche Ausmaß der Stadt, welche man als Tourist oft nur auf die üblichen Attraktionen in District 1 beschränkt. Letzterer wird vor allem von Touristen und Geschäftsleuten frequentiert, die meisten Vietnamesen wohnen, essen und konsumieren aber wo anders.
– In Saigon gibt es keine Malls, aber dafür Einkaufsstraßen (wie bei uns) und Einkaufscluster – ganze Straßen sind auf bestimmte Produkte spezialisiert, wie z.B. Blumen oder Dekorationsgegenstände. Diese Art der Ansammlung wird der bereiste Leser schon aus anderen Entwicklungsländern oder China Towns kennen.
– Die Vietnamesen legen, wie viele Asiaten, großen Wert auf die Bildung ihrer Kinder. Ein Großteil des Ersparten wird für die (trotz pro forma Kommunismus anscheinend kostenpflichtige) Ausbildung der Kinder verwendet. Ein bildliches Beispiel bot sich uns beim Vorbeifahren an einer Grundschule, vor der sich dutzende Menschen auf ihren Mofas versammelt hatten: Wie mir mein Guide erklärte, handelte es sich dabei um Eltern, die ihre Kinder von der Schule abholen. Um 9 Uhr Abends? fragte ich entgeistert. Ja, so antwortete  sie, man tue hier alles was irgendwie möglich sei, um den Kindern eine erfolgreiche Zukunft zu ermöglichen – und man glaube eben, dass dies durch möglichst viel Unterricht erreicht werden könne. Diese Unterrichtsstunden erschienen selbst mir übertrieben – andererseits weiß ich auch nicht, wann der Unterricht anfing. Vielleicht handelte es sich ja auch um eine zusätzliche Nachmittagsschule.
– Überhaupt ist gesellschaftliches Ziel, ökonomisch voranzukommen. Aus diesem Grunde interessiert sich der Vietnamese auch anders als westliche Vergangenheitsromantiker, die Vietnamesen am liebsten als mittelalterliche Kleinbauern sehen würden, nicht für zurückgebliebene Strukturen wie kramige Bauernmärkte mit schlechter Produktqualität oder “den kleinen Mann von der Straße mit dem traditionellen Spitzhut”, sondern für moderne Errungenschaften – Hochhäuser, Malls, Mobiltelefone usw. – das, was bei uns dann gerne als Verkommenheiten der modernen Entwicklung dargestellt wird. Entsprechend wurde ich um meinen Wohnsitz in Bangkok bisher immer offen beneidet.
– Die Geschlechterrollen sind recht traditionell: Im Normalfall, so teilte mir mein Guide mit, ziehen Paare zum Beispiel nicht zusammen, wenn sie nicht verheiratet sind. Ähnlich wie in Indien bleiben die Kinder recht lange zu Hause wohnen. Und dort wird dem Mann eine höhere Wichtigkeit zugesprochen, und der Frau mehr Arbeit. So sind Scheidungen aufgrund fehlendem männlichen Nachwuchs recht gängig, und zu Hause ist es selbstverständlich, dass sich die Töchter um die Belange der Söhne kümmern (für sie kochen etc.). Bei meinem Guide war das auch so, obwohl sie, von ihrem sehr guten Englisch und ihrem international aufgeschlossenen Verhalten ausgehend, sicher zu den besser gestellten Vietnamesen gehört. Aber auch hier  ist wohl einiges im Wandel, und immer mehr junge Menschen brechen aus den Strukturen aus – zu Beginn bedarf es dafür wohl einiger liberaler Familien. Zum Daten trifft man sich übrigens am Saigon River – beim Vorbeifahren war der Fluss an einigen Stellen mit kleinen Zweiergrüppchen gesäumt.
– In Saigon gibt es bis auf die Busse, die wohl etwas langsam und umständlich fahren, keine öffentlichen Verkehrsmittel. Entsprechend hat fast jeder Einwohner der Stadt ein Mofa – insgesamt 6 Millionen! Das erklärt das Mofa-dominierte Stadtbild und die Größe der angeschlossenen Industrien: Überall gibt es an der Straße gemusterte Gesichtsmasken und trendige Helme zu kaufen, die eher wie Modeaccessoires als wie Schutzkleidung aussehen. Die modischen Designs der Helme, welche oftmals fast wie Base Caps aussehen, erklärte mein Guide damit, dass die Helmpflicht erst seit kurzem bestehe, viele Leute aber zu eitel zum Tragen von richtigen Helmen seien. Daher greife man auf diese Modelle zurück, deren Schutzfähigkeit ich an dieser Stelle deutlich bezweifeln möchte. Zum Sicherheitsstandard der Helme gibt es anscheinend keine verbindliche Regulierung. Auch scheint sie perverser Weise nicht für Kinder zu gelten, die hier zusammen mit ihren Familien alle ohne Helm fahren.

Das Essen war hervorragend. Sicherlich war es aus Sicht der Guides keine besondere Leistung, uns zu drei Restaurants zu kutschieren und Gerichte für uns auszuwählen – aus unwissender Touristenperspektive war dieses Erlebnis jedoch sehr wertvoll. Wir begannen die Tour in einem sehr einfachen, fast schmuddeligen, Miniladen, der sich auf Sommerrollen mit unterschiedlichen Zutaten spezialisiert hatte. Aus einem Haufen von Salatblättern und Kräutern (Minze, Fischkraut und noch irgendwas längliches) sowie Reisnudeln, gegrilltes Schweinefleisch, Rindfleisch in Weinblatt und einem leckeren Fisch mit fleischartiger Konsistenz namens “Schlangenkopf” und der Extrazutat geschnetzeltes Schweineohr rollten wir uns, in vielen Fällen jedoch der Guide für uns, unsere eigenen köstlichen Sommerrollen in Reispapier, die wir, nur instabil haltend, schnell in eine süßsaure Soße dippten und zügig verschlungen. Schon hier musste ich mich beherrschen, nicht zu viel zu essen und füllte meinen Magen zur Sicherheit mit dem geeisten Grüntee, der mir als das “Bier für Frauen” empfohlen wurde.

Die nächste Station führte uns in einen anderen Bezirk zu einem größeren Restaurant, das sich auf einem Bürgersteig ausgebreitet hatte und (mit 100% Vietnamesenanteil) aus allen Nähten platzte. Hier wurde eine Art Grill vor uns ausgebreitet, auf dem unsere Guides frisch mariniertes Gänsefleisch mit Okra und Garnelen zubereiteten (siehe Artikelbild). Ich hatte noch nie Gänsefleisch gegessen, es war jedenfalls sehr lecker und zart. Was in der Marinade drin war, weiß ich leider nicht. Die Garnelen dippten wir in einen Dip aus Salz, Pfeffer und Limettensaft, das Fleisch und Okra in einen unbekannten (aber ebenfalls schmackhaften) Dip. Die Garnelen wurden übrigens nach unserem Belieben vorgepult, was ich gerne in Anspruch nahm. Zum Essen gab es neben einer recht gewöhnlichen Limonade ein Getränk namens “Rehhorn-Wein” (deer horn wine), das mich dem Namen und der Reputation nach als hartes Männergetränk irgendwie an den Blutwein der Klingonen erinnerte. Der Geschmack war eher wie ein Digestif als ein Wein und gut genug für ein paar Schlücke, aber nichts Besonderes.

Auf dem Weg zur letzten Station fuhren wir durch Chinatown, schlenderten an einer bekannten Großhandels-Markthalle vorbei (die aber nur billigen Ramsch verkaufte) und nahmen einen Snack zu uns, der beliebt unter Jugendlichen sein soll: Gefaltetes Reispapier mit gewürzten und getrockneten Shrimps in der Mitte. Es schmeckte nicht so schlecht, wie es aussah, und ist sicherlich eine weitaus gesündere Alternative als Chips.

Magnus und ich waren uns einig, dass die letzte Station – ein sea food restaurant im vormals als Bronx von Saigon berüchtigten District 4 – die beste war. Hier gab es die besten Jakobsmuscheln, die ich jemals gegessen habe (mit etwas Grünem, das aussah wie Schnittlauch, Erdnüssen und einer leider unbekannten Soße), morning glory in einer köstlichen süß-sauren Soße und einer Zutat, die entweder Tierbein oder Pflanze hätte sein können, Baguette zum Dippen in letzterer Soße (ein Überbleibsel der Franzosen), und Krebs in Chili-Salz-Mantel. Dazu gab es geeisten Rohrzuckersaft, und als Highlight wurde uns ein gekochtes Gänseei mit Gans-Embryo in süß-klebriger Soße gereicht, welches keiner der Anwesenden so recht mochte. Als Dessert gab es eine Art Crème Brulée mit gecrushtem Eis in Plastikbecher, die ebenfalls zum Zergehen war!

Ich war sehr stolz auf mich, dass ich nach Beenden der Tour nur wenige Übelkeitserscheinungen hatte und gab mir mit einem lokalen Bier auf der üblichen Touristenmeile den Rest.

Damit beende ich meinen kleinen Exkurs in Vietnam, denn heute geht meine Reise zu Ende – um 18 Uhr geht mein Flug, und bis dahin werde ich nur abhängen, anstatt mich an weiteren Sehenswürdigkeiten abzuarbeiten. Denn, wie ich schon sagte – irgendwann wiederholt sich alles.

PS: Fotos müssen folgen, da nur die Guides und Magnus einen Fotoapparat dabei hatten, ich reiste anstatt dessen lieber leicht. Das Artikelbild ist authentisch, aber von der Website von Tiger Tours von einer anderen Gruppe.

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