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Wonder Woman


Auf dem Höhepunkt eines temporären Ästhetik-Komplexes, ausgelöst durch die tägliche Konfrontation mit fragilen Thailänderinnen, und getrieben von meiner generellen Neugierde auf Unbekanntes, hatte mich mein Groupon Newsletter im November dazu veranlasst, eine Sitzung “Slimming Massage” im Schönheitssalon “Absolut Slim” zu kaufen.

Nachdem die kurzweilige Phase der Oberflächlichkeit abgeklungen war und ich nur durch die Magie des regelmäßigen Sports schon ziemlich von allein slim geworden war, vergaß ich den Gutschein wieder. Bis die PDF-Datei auf meinem Desktop, die bis dahin unbemerkt vor sich hingeschlummert hatte, letzten Mittwoch plötzlich eine unwiderstehliche Anziehungskraft erzeugte und mich zum Doppelklick bewegte. Sie hatte guten Grund dazu, denn es war der letzte Tag der Gutscheingültigkeit.

Von plötzlicher Panik erfasst, rief ich im Studio an und erklärte elaboriert und devot kichernd, warum ich jetzt erst zum Anruf kam und ob ich heute schnell noch einen Termin bekommen könne. Meine plötzlicher unbedingter Wille, den Termin wahrzunehmen, verwunderte mich, ich wehrte mich aber nicht dagegen. Wie immer hatte ich bei meinen eloquenten Ausführungen nicht bedacht, dass nicht jeder außerhalb meiner kleinen Parallelwelt Englisch spricht und erntete daher nach vielen behutsam formulierten Sätzen nur ein Schweigen. Ich bemühte ein Primitivenglisch, wieder Schweigen. Ich wollte gerade schon zu einem neuen Versuch ansetzen, als ich hörte, wie der Hörer weitergegeben wurde und eine andere Stimme aufgeregt “no, no, no, no, no” sagte, fast rief. Ich – die offensichtliche Realität der Englischkenntnis meiner Gesprächspartner ignorierend – protestierte ebenso aufgeregt, was hieße hier no, ich habe gutes Geld bezahlt und bestehe auf meinem Recht als Kunde, so ginge es ja nun nicht. Schweigen, und dann das Klicken der Gesprächsunterbrechung. Ein zweiter Anruf hatte denselben Ausgang.

Ich gab nicht auf. Über die Groupon-Hotline erzwang ich einen Termin. 15 Uhr. Die Vorfreude war groß. Erst jetzt kam ich auf die Idee, mir das Studio und seine Location online genauer anzusehen. Die Website funktionierte nicht. Über die nicht mehr aktuelle facebook-Seite erfuhr ich aber, dass “Absolut Slim” sich in einem Gebäude namens “Major Hollywood Complex” in einem Vorort Bangkoks auf der anderen Seite des Flusses befand. Auf der anderen Seite des Flusses! Ohne Anschluss an Metro oder Sky Train! Aber ich ließ mich auf das Abenteuer ein und nahm ein Taxi, das mich in nur 40 Minuten an mein Ziel brachte.

Der “Major Hollywood Complex” war ein heruntergekommenes einstöckiges Gebäude an einem Autobahnzubringer. Die Werbeschilder für diverse Bekleidungsläden waren vergilbt, das Plastik teilweise abgebrochen. Von vorne war das Gebäude verschlossen, Pfeile mit thailändischer Beschriftung zeigten zum Hintereingang des Gebäudes, in dem sich einige Essensstände und billige Klamottenshops befanden. Alles sah mich an. Ich versuchte erst gar nicht, den Weg zum Studio zu erfragen, dessen Existenz ich immer mehr bezweifelte. Die Rolltreppen waren verstellt. Über eine Hintertreppe gelang ich schließlich in den ersten Stock, in dem erstaunlicher Weise das bunte Leben herrschte – Kinos, Bowlen, Fitness, alles bunt und blinkend. Und in einem verborgenen Winkel: “Absolut Slim”. Das Dopamin floss in meine Adern, der Laden zog mich magnetisch an.

Die vier Damen – zwei hinter der Theke, eine im Nebenraum, und eine Managerin, die auch Englisch sprach, hatten mich schon erwartet. Andere Kunden waren nicht zu sehen. In der kleinen Beratungsecke mit Kunstledersesseln fragte man mich, ob ich nicht vielleicht eine Thai Massage oder eine Gesichtsbehandlung bevorzugen würde. Nein, ich bestand auf der Erfahrung, das Wunder einer Fettreduktion durch Massage zu erleben. Die Managerin schien nicht glücklich, es wurden einige Worte mit einer Dame hinter der Theke gewechselt, vermutlich der Behandlerin. Nachfragen, ein paar unsichere Antworten, ein unbestimmtes Lächeln in meine Richtung, das den Zweifel reflektierte, ob ich vielleicht doch Thai verstünde. “I have a machine…” sagte die Managerin schließlich zögerlich. Nicht wissend, was das nun mit meiner Produktwahl zu tun hatte, bohrte ich nach “You mean, for the massage…?”. Ihre Körperhaltung war merkwürdig angespannt, wie jemand in unbequemer oder peinlicher Kleidung. “Yes…”. Ich verstand wirklich nicht, was das Problem war – ich kompensierte also die Passivität meiner Gesprächspartnerin, indem ich “OK then, let’s go!” sagte und dynamisch aufstand. Man nickte sich kaum merklich zu und die Dame von der Theke folgte mir mit gesenktem Kopf, fast resigniert, in den Behandlungsraum. Ich führte das alles darauf zurück, dass man vielleicht irgendwo Arbeitskraft oder Geld sparen wollte und deswegen die aufwändigste Behandlungsform vermeiden wollte.

Was hatte ich erwartet? Eine Art abgewandelte Thaimassage, irgend etwas mit Händen und Creme. Den Hinweis der Managerin auf die Maschine konnte ich nicht einordnen. Was dann folgte, war anders. Die junge Frau schaltete das Licht aus und forderte mich auf, zu entspannen. In froher Erwartung schloss ich die Augen und lag artig auf dem Rücken. Ich hörte ein Klicken und ein Surren, das mich an den Fluxkompensator aus Zurück in die Zukunft erinnerte. Außerdem schien meine Behandlerin mit etwas zu hantieren, was sich wie Klett anhörte, viele Klettstreifen, die voneinander gelöst wurden. Kurze Stille, und dann begann sie, die Streifen an mir anzubringen: Um die Waden, um die Oberschenkel, um den Bauch, um die Brust, um die Arme. Für eine Massage wäre kein Platz mehr gewesen. Zugleich enttäuscht und neugierig auf das Bevorstehende scherzte ich, ob sie nicht auch einen Streifen an meinem Kopf anbringen wolle. Sie stand regungslos im Dunkeln – deutlich sah ich nur eine Reflektion auf ihrem Haar und das Weiße ihrer Augen – und sagte still etwas, was sich wie “dangerous” anhörte. Dann ging sie in eine Ecke, wo ich sie nicht mehr sehen konnte. Ich dachte mir ein amerikanisches “OK, whatever weirdo”.

Als sie aus der Ecke wieder hervortrat, hatte sie ein längliches Bündel in der Hand, vielleicht Schnüre, Kabel oder so etwas. Es war anstrengend, meinen Kopf zu heben und sie in der Dunkelheit zu beobachten. Ich ließ es sein, entspannte meinen Hals und schloss die Augen wieder; sie wird schon wissen, was sie da tut. Sie fing dann an, irgend etwas an den Klettbinden zu befestigen und kleine kalte Platten mit einer schleimigen Oberfläche darunter zu schieben. Meine Güte, wie aufwändig, dachte ich, kein Wunder, dass sie das nicht machen wollten. Gleich ist die Stunde vorbei und ich hatte gar nichts davon. Als sie fertig war, stellte sie sich an mein Fußende und betätigte etwas am Ende der Bahre. Wieder sah ich nur eine Reflektion auf ihrem nach unten gesenkten Kopf von einem Lichtspalt in der Tür, und erahnte einen Teil ihrer rechten Hand, der irgendetwas drehte oder drückte. Sie hatte vor sich offenbar irgend eine Art von Mischpult. Sie hob dann ihren Kopf und sagte mir in demselben ernsten Ton von vorhin “relax”. Ich tat wie geheißen und hörte, wie sich die Tür hinter ihr schloss. Geht die jetzt Mittagspause machen oder was, dachte ich nörglerisch.

Es waren tatsächlich Elektroden. Was ich zunächst für einen Druck ähnlich der Metallbälle in einem Massagesessel gehalten hatte, waren leichte Stromschläge. Es fing mit einem Kribbeln an einzelnen Stellen an und breitete sich dann über alle Bandagen aus. Die Maschine war für eine Erhöhung der Stärke programmiert, und so wurde das rhythmische Drücken und Ziehen langsam immer stärker. Ich kicherte. Die spinnen ja, die Thais – was die hier so alles für ihre Schönheit machen (wobei mir die Ironie meiner Beteiligung natürlich nicht entging).

Irgendwann fing mein linker Oberschenkelmuskel an, bei jedem Schlag zu zucken. Dann begannen auch die anderen Muskeln, sich bei jedem Impuls zusammenzuziehen – immer mehr und mehr, sodass ich mich nach einigen Minuten wie ferngesteuert fühlte. Ich begann, mich auf das Ende der Behandlung zu freuen und fragte mich langsam, wo eigentlich meine Behandlerin hin verschwunden sei. Als die Stromstärke noch weiter gesteigert wurde, wurde es unangenehm und ich wurde auch nervlich angespannt. Nun denn, das ist der Preis des Experimentierens, dachte ich mir, und beschloss, die Behandlung abzubrechen, denn planmäßig wäre sie sicher noch eine halbe Stunde weitergegangen, und schon ohne eine weitere Erhöhung der Stärke wäre das einfach nur unangenehm gewesen. Die Dame sollte zurückkommen und alles ausschalten. “Excuse me?”….lauter: “Excuuuse mee?”. Keine Antwort. Boah, was für ein abfuck. “Heeyy!” Meine Stimmung kippte.

Na schön, dachte ich mir, schon in Streitstimmung, und wollte aufstehen, aber etwas hielt mich zurück. Ich war offenbar irgendwie an der Bahre befestigt. Oder bildete ich mir das ein? Ich erinnerte mich an meine Kindheit, als ich, auf dem Rücksitz des Autos sitzend, die Fragen meiner Mutter nicht beantworten konnte, weil sich ein Stück Weckmann an meinen Gaumen gesaugt hatte und ich es in einem Anfall von Fatalismus nicht entfernte. Ich saß einfach da und sprach kein Wort. Und ebenso fühlte ich mich, als es mir als unmöglich erschien, aufzustehen. Denn festgebunden hatten sie mich ja wohl nicht? Ich rief weiter, aber wieder keine Antwort. Der Lichtspalt in der Tür war auch verschwunden, fiel mir auf. Inzwischen hatten die Stromströße durch die völlige  Beherrschung meiner Muskulatur auch meine Bewegungen eingeschränkt, so wie ein Schluckauf im Sekundentakt das Sprechen beeinträchtigen würde. Ob ich meinen Arm bis zu meiner Tasche mit dem Handy ausstrecken konnte? Nein, mein Arm war ebenso immobil wie der Rest meines Körpers. Ich blieb also vorläufig dabei, in den Pausen zwischen den Stromstößen nach Hilfe zu schreien.

Was noch schlimmer war als der Schmerz, war die Unsicherheit bezüglich des Endes der Tortur. Wenn mich die Behandlerin einfach allein gelassen hatte und die Stromstärke vielleicht mit Absicht zu hoch eingestellt hatte, dann wäre ihr doch auch zuzutrauen, das Programm auf endlos zu stellen. Offenbar steckten ja alle unter einer Decke, denn es war ja augenscheinlich keine der vier Damen mehr da. Es kam mir alles wie eine sehr unwahrscheinliche Verschwörungstheorie vor, aber die Realität meiner elektrischen Bahre sprach dafür.

Ich begann, mich in Tagträume zu flüchten und irgendwann war ich weg. Eingeschlafen sein werde ich wohl kaum, deswegen vermute ich, dass es eine Art Ohnmacht gewesen sein muss.

Ziemlich benommen wachte ich auf. Mein Körper fühlte sich ausgelaugt und zugleich seltsam steif, fast metallisch an. Alles war immer noch dunkel. Die Stromschläge hatten aufgehört. Ungelenk drehte ich mich auf die Seite und stand langsam auf. Irgendwer hatte mich offenbar von meinen Fesseln befreit. Oder was auch immer es war, das mich gehalten hatte. Das Studio war auch außerhalb des Raumes dunkel und verlassen, und ebenso augenscheinlich der gesamte Komplex – die bunte Beleuchtung war verschwunden, kein Geräusch war zu hören. Ich fragte mich kurz, ob ich vielleicht so lange dort gelegen habe, dass das Center inzwischen geschlossen hatte. Aber nachdem ich endlich eine geöffnete Tür gefunden hatte und das Gebäude fluchtartig verlassen konnte, widerlegte das Sonnenlicht diese Theorie. Alles war wie vorher, die ganze Heruntergekommenheit des Gebäudes, die ramschigen Stände, die geschlossenen Türen. Nur die Menschen waren verschwunden. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich aber andere Probleme, als diesem Rätsel auf die Spur zu gehen – ich wollte einfach nur weg.

Im Taxi stellte ich die ersten Effekte fest. Um es vorwegzunehmen – mein Körperfett hatte sich nicht merklich reduziert. Aber etwas anderes war mit meinem Körper geschehen, was man vielleicht als Elektromagnetismus bezeichnen könnte: Auf dem Rücksitz sitzend nutze ich die lange Fahrt für ein aufgeregtes Telefongespräch mit Rama, welcher Schwierigkeiten hatte, meine Story zu glauben, und surfte danach ein wenig im Internet. Dabei fiel mir auf, dass das Batteriezeichen auf “laden” stand, anstelle des grünen Balkens war ein Stromzeichen zu sehen. Dabei dachte ich mir zunächst nichts, erst später wusste ich dieses Detail einzuordnen. Erst beim Bezahlen des Fahrers wurde mir bewusst, dass etwas nicht stimmte. Kaum hatte ich die Ein-Baht-Münzen aus dem Portemmonnaie genommen, kriegte ich sie kaum mehr aus der Hand. Die Hände waren sich gegenseitig keine Hilfe, da beide denselben magnetischen Effekt aufwiesen. Unangenehm berührt verzichtete ich hastig auf das Kleingeld und rundete auf den nächsten Schein auf.

Das Problem ließ sich nicht mit einer statischen Aufklärung erklären, denn es war zu stark, ging einfach nicht weg und erklärte auch nicht den anderen Effekt, der sich bereits angekündigt und nun überdeutlich wurde: Als ich zu Hause am Laptop saß und Erkundigungen zum Studio, der Behandlung und der thailändischen Polizei anstellte, wurde die Batterie einfach nicht leer. Auch mein Macbook macht nach 5 Stunden schlapp, aber jetzt nahm nicht mal die Ladung ab. Das änderte sich, wie sich feststellte, als ich das Laptop beiseite legte und nach einigen Stunden wieder öffnete – in diesem Fall hatte sich der Akku deutlich entladen.
Natürlich hatte ich Schwierigkeiten, die unglaublichen Implikationen meiner Entdeckungen zu akzeptieren. Ich ging also zur Werkzeugschublade, entnahm einen Phasenmesser und legte ihn mir wie ein Fieberthermometer unter die Zunge. Mit schielenden Augen sah ich die leuchtende Lampe. Dann steckte ich meinen linken Daumen in ein Akkumessgerät – und der Zeiger schlug heftig nach rechts aus…

Ich hatte nun anderthalb Wochen, um mich mit meinem neuen Zustand zu akklimatisieren. Zu Beginn hatte ich Angst vor einem Stromschlag unter der Dusche, aber nach einigen sachten Versuchen konnte ich mich davon überzeugen, dass es kein Problem ist. Strom fließt zwar, aber er beeinträchtigt mich nicht. Vom Besuch des Pools auf unserem Gebäude muss ich aber bis auf weiteres absehen. Das Problem der metallischen Gegenstände bleibt, aber im Alltag entwickelt man Workarounds, an die man sich schnell gewöhnt. Ich habe jetzt immer ein Baumwoll-Taschentuch dabei, welches ich zum Öffnen von Türen verwende, ich bezahle nur mit Scheinen, und das Rückgeld gebe ich entweder als Trinkgeld oder lasse es mir gleich ins Portemmonaie geben.
Trotz diverser Strategien blieb der Öffentlichkeit meine Andersartigkeit leider nicht verborgen: In einem Moment der Nachlässigkeit wollte ich durch das metallische Drehrad zum Skytrain, an dem ich nicht nur hängenblieb, sondern dessen LED-Display auch verrückt spielte. Ich versuchte mich zwar rauszureden, aber seitdem hat sich eine Story von der “Wonder Woman” in Bangkok verbreitet (das Artikelbild ist ein Ausschnitt eines Artikels über mich, den ihr unter Fotos findet). Im Alltag ist das ein bisschen nervig.

Insgesamt ist die Elektrifizierung aber eher vorteilhaft. Die ewige Aufladeproblematik ist gelöst, und unsere nächste Stromrechnung wird vermutlich auch geringer ausfallen, da ich den Ventilator und die meisten Kleingeräte nun selbst betreibe. Die Stromerzeugung verbrennt außerdem Kalorien, sodass meine ominöse Behandlung am Ende doch noch zum Slimming beigetragen hat.
Das Studio gibt es übrigens nicht mehr, aber ich glaube, dass ich die Behandlung jetzt auch selbst anbieten kann.

2 Comments on Wonder Woman

  1. Es ist so traumhaft. Indirekt leistest du eine Art Entwicklungshilfe, indem du mich zu Lachtänen rührst, die mich am Ende vor dem Grippetod bewahren. Ganz dicke Umarmung aus Berlin!

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