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Kathmandu Express


Ohne die Grenzen Kathmandus gen Himalaya verlassen zu haben, kann man sich nur schwerlich qualifiziert über Nepal äußern, das nahezu alle Touristen doch wegen seiner Gebirge, und nicht wegen seiner Hauptstadt anlockt. Mir standen jedoch nur wenige Tage zur Verfügung, und so mussten sich meine Wanderungen auf die Stadterkundung beschränken. Nicht einmal aus dem Flugzeug ließen mich die dichten Wolkendecken einen Blick auf das Himalaya-Gebirge erhaschen, und so war Kathmandu eine Stadt, die überall hätte sein können. Meist erinnerten mich nur die Geschäfte mit Trekking-Bedarf und die gelegentlichen Wanderstiefel an bleichen Beinen an meine Nähe zum höchsten Gebirge der Welt, und manchmal ließ eine Gasse die Sicht auf eine angedeutete Silhouette des Vorgebirges zu.

Mein erster Eindruck ließ mich an Indien denken – Bebauung, Verkehr, Menschen, Essen, und Luftverschmutzung erinnerten mich an meine zahlreichen Erfahrungen mit dem großen Nachbarn. Auf den zweiten Blick entwickelt Kathmandu seinen eigenen Charakter und die anfänglichen Vorurteile schwinden. Beispiel Bebauung – zwar gibt es auch in Kathmandu die typisch gealterten einstöckigen Betonbauten ohne regionalen Stil, die man aus Indien kennt. Darüber hinaus hat Kathmandu aber einen eigenen Architekturstil, der sich durch kleinteilige Häuser mit Holzschnitzereien und balkengestützten Dächern auszeichnet. Aneinander geschmiegt in schmalen Gassen und auf Plätzen haben diese Häuser beinahe etwas Italienisches. 

Die Besonderheit der Menschen liegt in der Heterogenität ihrer Phänotypen. Anders als zunächst gedacht ist es nämlich keineswegs so, dass alle Nepalesen einfach nur wie Nordinder mit Schlitzaugen aussehen. Diesen Typus gibt es auch, aber neben ihm noch zahlreiche andere Volksgruppen, die sich aufgrund von wenig Vermischung untereinander offenbar erhalten haben. So begegnen einem Nepalis, die auch Araber oder Inder sein könnten. Ein Blick auf Google Maps macht diesen Zustand wenig verwunderlich, denn Nepal liegt an der Grenze zwischen den vorderasiatischen, indischen und chinesischen Volksgruppen. 

Bis zum Fall des Königshauses vor 8 Jahren galt Nepal offiziell als (übrigens weltweit einziger) rein hinduistischer Staat. Seitdem hat der tibetanische Buddhismus Einzug gehalten, so erzählt mir meine Stadtführerin, der inzwischen fast 10% Verbreitung erreicht habe. Die vielen alten buddhistischen Tempel und Stupas verwirren mich in diesem Kontext etwas, welche von einer langen buddhistischen Tradition zeugen. Ebenfalls merkwürdig finde ich, dass buddhistische Tempel Götterdarstellungen haben – einen Widerspruch zu meiner oberflächlichen Kenntnis des Buddhismus, den auch meine Stadtführerin nicht aufzuklären vermag. Hier und da hat sich auch eine hinduistische Gottheit in einen buddhistischen Tempel verirrt. Eine lokale Variante des Buddhismus?

Obwohl der Buddhismus eine Minderheitenreligion darstellt, sind seine religiösen Artefakte allgegenwärtig, besonders in den Touristengeschäften. Offenbar erfreut sich der Buddhismus hoher Popularität bei den westlichen Reisenden, die sich von Mandalas, lachenden Buddhas und Gebetsfahnen angesprochen fühlen. Mein Interesse beschränkt sich auf die Mandalas, die, wie ich in den Läden erfahre, eine Oberansicht von Stupas und damit zugleich das Konzept des Buddhismus darstellen: in mehreren Schritten soll der Mensch von außen nach innen gen Nirvana streben und dabei mehrere Elemente meistern. So zumindest meine vereinfachte Lesart, der ich durch ihre Klarheit und Konsistenz einen gewissen Reiz abgewinnen kann – anders als den meist anekdotenhaften, animistischen oder götzenverehrenden Artefakten anderer Religionen.

Jedenfalls bietet Kathmandu als Ausgangsstation für viele Gebirgs-Touristen eine ausgebaute touristische Infrastruktur mit einem großen Angebot buddhistischer Souvenirs. Daneben bilden Kaschmir-Geschäfte und Outdoor-Bedarf die Schwerpunkte des lokalen Einzelhandels. Wie in Indien auch wird der weiße Mensch dabei natürlich gerne zum Opfer seiner eigenen Verhandlungsunfähigkeit bzw. Gutgläubigkeit und zahlt mindestens 30% mehr als er sollte, wie ein einfaches Experiment mit meinem indischen Freund und mir wieder einmal frustrierend belegte. Da man durch seine Mehrausgaben jedoch auch die nepalesische Wirtschaft unterstützt, hielt sich mein Schmerz in Grenzen. 

Die vielen kleinen Läden im Touristenbezirk Thamel mit seinen kleinen Gassen und traditionellen Häusern laden zum stundenlangen Spazieren ein. Entspannung sucht man dort jedoch meist vergeblich – denn wenn man nicht gerade achtgeben muss, nicht von einem Auto, Motorrad oder einer Fahrrad-Riksha umgefahren zu werden und einmal tief einatmen will, erinnert einen die bestialisch schlechte Luft daran, dass man dies lieber nicht tun sollte. Nepal hat so wenig Strom, dass es 11 Stunden am Tag von Generatoren abhängig ist. Rechnet man noch die Abgase der veralteten Autos aus dem lebendigen Verkehr hinzu, kann man sich vorstellen, dass ein Gang durch die Stadt permanent so riecht als stünde man hinter einem Auspuff. Daher ist die Gesichtsmaske auch ein relativ verbreitetes Phänomen, auch wenn ich meine Zweifel habe, ob ein Stück Stoff die gefährlichen Partikel der Abgase wirklich aufhalten kann.

Man fühlt sich vom langen Spazieren mit ständigem Ausweichen und kratzigen Hals schon recht erschöpft, wenn man von Norden kommend am Ende von Thamel endlich den berühmten Basantapur Bezirk mit seinem Durbar Square erreicht. Der riesige Platz ist als solches gar nicht kenntlich, weil es auf ihm vor hinduistischen und buddhistischen Tempeln nur so wimmelt. Das Areal ist verkehrsberuhigt und ein geschütztes Weltkulturerbe – wohlverdient, so denkt man sich schon beim ersten Anblick des wunderschönen Platzes. Nicht-Nepalis müssen Eintritt bezahlen, während Nepalis kostenlos Zutritt bekommen. Diese auch in Indien übliche Diskriminierung wäre in Deutschland undenkbar, denke ich mir, aber habe nicht viel dagegen. Denn durch den kostenlosen Zugang für die allermeisten Passanten ist Basantapur den ganzen Tag über von Menschen aller Altersgruppen besiedelt, die die Treppen der Tempel als Treffpunkt nutzen und den Platz dadurch von seinem sonst wohl eher musealen Charakter befreien. 

Kathmandu war einst ein Hippie- und Aussteiger-Paradies, und wer dies nicht schon an den vielen Bäckereien und Konditoreien erahnt hat, die inzwischen in nepalesischer Hand sind, oder eine Geschichte über die legendäre “Freak Street” gehört hat – schmeichelhaft benannt nach dem Eindruck, den die Europäer und Amerikaner gemacht haben müssen – dem wird dies spätestens beim Besuch des Durbar Squares mitgeteilt. Einer der bekanntesten Tempel dort wird nämlich auch der “Hippie Tempel” genannt, da sich dort in den 70ern bevorzugt westliche Hippies aufhielten und auf den Treppen liegend Haschisch konsumierten. Damals war der Handel und Konsum mit Marihuana und Haschisch wohl so gängig wie heute das Kaffeetrinken. Mit dem Konsumverbot und der Verschärfung des Aufenthaltsrechts nahm diese Blütezeit jedoch ein jähes Ende.

Kathmandu hat einige Highlights, von denen ich nicht alle gesehen habe. So zum Beispiel die Swayambunath Stupa oder der Pashupatinath Tempel, auch bekannt als “Crematoria”. Letzteres ist ein für Hindus sehr bedeutender Tempel an einem Fluss, an dem viele Hindus die Leichen ihrer Angehörigen verbrennen. Der Zugang zum Tempel ist nur Hindus vorbehalten, sodass der Grund westlicher Touristen, den Tempel trotzdem zu besuchen, vor allem im Beobachten der Verbrennungen besteht, selbstverständlich unter dem Deckmantel der Kultur. Sicherlich wäre dieses Spektakel auch für mich interessant gewesen – aber die Scham, einen solch intimen Vorgang zu begaffen, hielt mich doch davon ab. Wie fänden wir es, wenn ein Tourist bei der Beerdigung unserer Eltern dabei wäre, und gar Fotos vom offenen Sarg machen würde?

Ein Highlight, das ich gesehen habe, war jedoch die Boudhanath Stupa im Osten der Stadt. In der nicht weiter überprüften Annahme, dass ich von dort einen guten Ausblick über Kathmandu kriegen würde und vielleicht endlich einmal das Gebirge sehen wurde, wurde ich zwar enttäuscht – die Stupa war eng bebaut von einem Platz umgeben und bot keinen Ausblick, zumal sie gerade renoviert wurde und man nicht hochklettern konnte. Dafür fand ich einen idyllischen Platz zum Flanieren, Verweilen und window shoppen vor, der gerade im Kontrast zu den vielen hektischen Straßen sehr einladend und entspannend war. 

Mehr Sehenswürdigkeiten konnte ich mir leider nicht ansehen, da ich zu sehr damit beschäftigt war, Kaschmir-Schals und Militärmesser zu kaufen und nach Masken zur Dekoration meiner Wohnung Ausschau zu halten. Und vom Himalaya war auch auf dem Rückflug weit und breit nichts zu sehen. Dafür kann ich mich nun bei jedem Einkuscheln in meinen Schal, bei jedem Blick auf die Masken an der Flurwand und jedes Mal, wenn ich meinem Freund über den Sinn und Unsinn seiner Messersammlung diskutiere, an meine Kathmandu Express-Exkursion erinnern. 

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