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Bewerbungsetikette


Es gibt einige Lebensbereiche, die besonders von einer Diskrepanz zwischen Ehrlichkeit und Etikette betroffen sind, und einer dieser Bereiche ist der Bewerbungsprozess bei Unternehmen. Wenn man es nicht gerade mit einem Startup zu tun hat, scheint es mir manchmal mehr um einen Test der im Jobmarkt akzeptierten Etikette als der wirklichen Eignung für den Job zu gehen. Es gibt ein ganzes Repertoire an Regeln, die es als Kandidat einzuhalten gilt, ohne dass diese in einem signifikanten Zusammenhang mit der späteren Tätigkeit stehen würden.

Das fängt schon beim Anschreiben an. Warum muss dort überhaupt die Motivation dargelegt werden, welche doch fast immer eine halb-fabrizierte Geschichte über die angeblich enge Bindung zur Branche oder zum Unternehmen ist. Ist nicht die Tatsache der Bewerbung Beweis genug für die Motivation? Ganz zu schweigen von den meines Erachtens schwachsinnigen formellen Regeln wie z.B. der der “positiven Formulierung”, in der man schon “optimistisch” von einer Einladung zum Gespräch ausgehen soll, da dies angeblich den Leser beeinflusst: “Ich freue mich auf unser Gespräch” anstelle von “Ich würde mich über ein persönliches Kennenlernen freuen…”. Gleichzeitig soll aber auf die Vermeidung des Wortes “ich” am Anfang des Satzes geachtet werden, das sei zu selbstbezogen.
Im Mittelteil des Anschreibens soll man dann darlegen, inwiefern man auf den Job passt. Wäre es nicht einfacher, eine Tabelle anzufertigen, in der Links die Anforderungen des Jobs stehen und rechts die eigene Eignung? Ich mache das manchmal und kriege dafür immer gutes Feedback. Innovation scheint aber ansonsten nicht sehr gängig im Bewerbungsprozess zu sein, wo keiner einen schlechten Eindruck machen möchte und deswegen bei der Konvention bleibt.

Beim Lebenslauf ist es dann ganz wichtig, dass keine Lücken zu sehen sind. Warum eigentlich? Ist man weniger qualifiziert, wenn man sich mal eine Auszeit genommen hat? Dann der berühmte rote Faden. Im Privatleben gilt es als Zeichen von Aufgeschlossenheit, Bildung und/oder Engagement, wenn man vielseitig interessiert ist und viele Hobbies verfolgt. Nur im Beruf gilt das als unentschlossen und irgendwie unreif, wenn man verschiedene Sachen ausprobiert hat. Warum, kann mir keiner erklären. Ist auch eine deutsche Sache, in den USA ist das wohl nicht so.

Dann das Bewerbungsgespräch. Man zieht sich Sachen an, die man im Job wahrscheinlich nicht täglich anziehen würde. Während der Gesprächspartner smart casual gekleidet ist, sitzt man da im Anzug. Weil man das halt so macht. Inhaltlich gibt man dann meist erstmal ewig den Lebenslauf wieder, anstatt einfach direkt auf die konkreten Kompetenzen einzugehen. Manchmal wird extra einer auf Pokerface und tough gemacht, um zu sehen, ob man souverän und selbstbewusst reagieren kann. Sicherlich sind das wichtige Eigenschaften; in den meisten Jobs, die weder mit Presseskandalen, unzufriedenen Kunden oder launischen Geschäftsführern zu tun haben, halte ich das jedoch für eine Fähigkeit, die zumindest sekundär ist.

Bei mir hat eine gewisse Ermüdung mit den üblichen Abläufen zu einer Laxheit geführt, die jedoch vermutlich auch nicht immer anzuraten ist. Zum Beispiel beim Gespräch mit NH Hotels, wo ich vergaß, mein Handy auszuschalten und meine Sonnenbrille vom Kopf zu nehmen. Oder bei Amazon, wo ich auf die als small talk gemeinte Frage, ob ich mir im Empfangsbereich schon die Amazon-Videos angesehen habe, entgegnete, dass ich ehrlich gesagt nur mit meinen Handy beschäftigt gewesen sei. Oder meine Art, in jeder noch so unpassenden Lage kleine Scherze unterzubringen, wenn doch alle um Wahrung der Formalität bemüht sind. Ich sage also nicht, dass ich ein Vorbild bin – aber ein bisschen mehr Lockerheit halte ich doch hier und da für angebracht. Denn Ziel eines Vorstellungsgespräches sollte ja sein, den Bewerber so authentisch wie möglich kennenzulernen und nicht, seine Fähigkeit des Selbstverkaufens zu testen, welche bald nach dem Bewerbungsgespräch keine Bedeutung mehr haben wird.

Ich fände es als Recruiter angenehmer, ehrliche Antworten zu hören (welche ich dann fair bewerten würde), als darauf zu dringen, im Zweifel eine Antwort zu fabrizieren. So kommt es dann zum Beispiel zu so Formulierungen wie “ich bin zu perfektionistisch” (read “ich bin ein Kontrollfreak”), wenn es um persönliche Schwächen geht. Ich halte die im Bewerbungsgespräch üblichen “white lies” für unnötige Reibungsverluste. Aber wie es immer bei Verhandlungen ist – jeder Kandidat wird versuchen, sich im besten Licht darzustellen, zumal er befürchten muss, dass seine Konkurrenten ebenfalls nicht ganz ehrlich sein werden. Es sei denn, man landet bei einer Firma, die unüblicher Weise explizit  betont, dass sie ehrliche und selbstkritische Antworten hören will. Wie Amazon, wo ich gestern mehr als 4 Stunden Gespräche hinter mich gebracht habe. Kaum Lebenslauffragen, dafür Fragen nach Kompetenzen im Stil von “Waren Sie schon einmal in einer Situation, in der…” und “wie würden sie mit Situation x umgehen”. Da fällt einem vielleicht nicht immer etwas ein, aber der Ansatz ist sinnvoll. Ebenso die Tatsache, dass man von mehreren Leuten unterschiedlicher Fachrichtungen interviewt wird, um sowohl dem Unternehmen als auch dem Bewerber ein abgerundetes, facettenreiches Bild zu vermitteln. Schon in der Email zur Terminbestätigung stand übrigens, dass es bei Amazon keinen Dress Code gebe und daher Business Kleidung nicht nötig sei. Endlich konnte also mein stylischer neuer Onesy zum Einsatz kommen. Ich warte noch auf Rückmeldung!

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