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Leeren und Oasen auf Folegandros


Meine Erwartung an Folegandros war aufgrund der Fotos von weißen Häusern an Steilküsten gewesen “wie Santorini, nur weniger touristisch”, und das war an der Realität ziemlich vorbei. Folegandros hat zwar hochaufragende Berge mit steilen Abfällen und der Ort Chora ist auf einem hohen Plateau nah an einem solchen Abfall angesiedelt. Die Abhänge sind aber nicht so steil wie in Santorini und daher weniger dramatisch, und überhaupt macht Folegandros etwas anderes aus als Santorini, nämlich die Mischung aus langen Strecken Nichts und der oasenhaften Perle Chora – ein nachts beleuchtetes griechisches Dorf wie aus dem Bilderbuch mit einer magisch über dem Dorf schwebenden Kirche. Folegandros hat auch ein paar schöne Strände, sie wären aber nicht mein Grund für einen Besuch der Insel.

Folegandros hat den Beinamen “die authentische Insel” und das kommt sicher aus dem weitestgehenden Mangel der üblichen touristischen Infrastruktur und auch Architektur. Man fühlt sich, als hätte man die Insel gerade neu entdeckt. Dieser Eindruck stimmt aber nur auf den ersten Blick. Nahezu 100% der Häuser im Hauptdörfchen Chora erfüllen irgendeine touristische Funktion, die zwar nicht aufdringlich, aber trotzdem existent ist. Kein Schild ist ausschließlich auf griechisch formuliert, oftmals gibt es gar keine griechische Schrift. Die Preise sind gesalzen – für eine sehr kleine Vorspeise habe ich zum Beispiel 9 Euro bezahlt.

Trotzdem – die Mischung aus Wandern auf Eselspfaden, bei der man keinem begegnet, und der Oase Chora, die wirklich ein ästhetisches Juwel ist, ist sehr reizvoll. Vielleicht 100 Höhenmeter über dem Dorf befindet sich an einem Berg eine weiß gestrichene Kirche mit weiß gestrichenem Treppenaufgang von Chora aus im Zick-Zack-Muster.

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Wenn die Sonne untergeht, erlebt man von hier eine spektakuläre Aussicht, und umgekehrt sieht die Kirche aus der Ferne nachts beleuchtet magisch aus, als würde sie über dem ebenfalls pittoresk beleuchteten Chora schweben. In Kombination mit der absoluten Stille Folegandros’ hat der Anblick dieses weißen Ensembles inmitten der hügeligen Steppe etwas existenzialistisches, was nachts durch die Beleuchtung noch verstärkt wird (meine iPhone Kamera hat das leider nicht gepackt, aber Google hilft – z.B. hier und hier.)

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Chora selbst ist ein so perfektes griechisches Dorf, dass den gewandten Reisenden zunächst eine gewisse Skepsis überkommt. Es sieht aus wie die gekonnte Umsetzung des Bühnenbilds für einen Hollywood-Film, der in Griechenland spielt.

Nach ein paar Erkundigungen lerne ich aber: Chora war auch schon vor der Entdeckung durch den Tourismus so, das einzige was sich geändert hat sind die Mieter. Wie denn Chora außerhalb der Saison aussehe, frage ich eine Verkäuferin in einem Schmuckladen, die im Winter und Frühjahr in Athen lebt, und sie meint: leer. Das Dilemma von Authentizität versus Tourismus – ich hatte das Thema schon einmal in einem meiner Reiseberichte aus Indien aufgegriffen. Auf das Thema angeprochen, ob denn Chora aufgrund einer Existenz für und wegen des Tourismus überhaupt noch als authentisch bezeichnet warden könne, verteidigt die Frau den Ort. Hier kämen alle von der Insel und man kenne sich untereinander. Es sei ein eingeschworener Kern von Menschen, die hier die Geschäfte besäßen. Und dass man Folegandros außerhalb der Saison verließe sei klar – es gebe ja nichts hier, und insbesondere mit Familie sei es schwierig. Es gebe kein Krankenhaus und ein Helikopter-Einsatz koste 5000 Euro. Ich habe darauf auch keine Antwort.

Jedenfalls besteht Chora im Grunde zu 70% aus Gastronomie auf ausnehmend schönen Plätzchen und kleinen Läden in Gassen. Aber gerade deswegen zieht einen auch immer wieder in das Dorfinnere. Es ist vielleicht der konsumistische Kern mit dem authentischem Anstrich, der das Dorf so charmant macht. Oder eine andere Betrachtung: Die gemütliche Verengung des Dorfes mit dem Fokus auf das Soziale des Zusammensitzens in Tavernen und Bars schafft eine wohlige Intimität.
Die zwei Gerichte die ich in Chora hatte – die lokale Spezialität Matsasa (selbstgemachte Nudeln in weinhaltiger Tomatensoße mit Lamm) und eine Gyros Pita (soo viel besser als Kepab, da kann man sagen was man will) – waren übrigens beide ausgezeichnet.

Besonders viel Leben wurde Folegandros durch ein schon durch das reine Zustandekommen amüsantes Tinder-Date verliehen, welches zu zwei Tagen zusätzlicher Inspiration in Form von diversen Abenteuern führte.

Meine Wanderungen außerhalb vom kleinen Chora führten mich hinunter zu mehreren Stränden und entlang der Eselspfade und inspirierten mich vor allem wegen der majestätischen Ausblicke und der Tatsache, dass ich keinem begegnete. Dieses in der rohen Natur auf sich allein gestellt sein brachte mich dann auch passagenweise dazu, meine Fitness Playlist auf meinen Bluetooth Kopfhörern zu spielen und die steinigen Wege in der Mittagshitze nahezu zu joggen. Dass ich mich hierbei etwas übernahm, merkte ich völlig erschöpft erst am Abend. Das hielt mich aber nicht davon ab, dasselbe am nächsten Tag noch einmal zu wiederholen.

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Eines meiner Wanderziele war das Strand-Trio Angali – Galifos – Agios Nikolaos im Süden der Insel, die durch einen Pfad an den Felsen entlang miteinander verbunden sind. Nach vielen Dutzenden Stränden, die ich in meinem Leben schon gesehen habe, bin ich schlichtweg verwöhnt und fand vor diesem Hintergrund keinen der Strände herausragend, aber sicherlich schön und empfehlenswert. Der Strand Galifos in der Mitte war ein Nudistenstrand, der jedoch so klein war, dass mir persönlich zu viel Intimität da war, um mich komplett zu entblättern.

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In meiner Reiseplanung hatte ich eine freie Woche zwischen Folegandros und Mykonos eingeplant, und nach einigem Hin und Her an Schiffsverbindungs-Analysen, Reiseforeeinträgen und Selbstreflektion entschied ich mich am letzten Abend auf Folegandros für 3 Tage Amorgos als nächsten Halt. Eine sehr gute Entscheidung, wie sich herausstellen würde.

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