Digitalisierungsversuche in der sächsischen Schweiz


Vor vielen Jahrhunderten, als die Sachsen die felsigen Lanschaften rund um Bad Schandau noch die Schandgebirge nannten, die Bewohner der Region  landesweit unter den damit verbundenen Witzen leiden mussten und sich sogar Pensionen auf die Aufnahme von untugendhaften Mädchen spezialisierten, besuchte einst ein Berner Geologe das Gebiet zur Untersuchung der Felsformationen und berichtete nach seiner Heimkehr begeistert von der zweiten Schweiz, die er weit im Norden entdeckt habe. Eine Schweizer Regionalzeitung berichtete über seine Entdeckung, die genauso schön, aber günstiger und dazu noch voll mit untugendhaften jungen Frauen sei, und es dauerte nicht lange bis ein Fremdenverkehrsbüro in Bern sich auf Reisen in die zweite Schweiz spezialisierte und hierzu eine Kooperation mit einer der berüchtigten Pensionen einging. Die findige Eigentümerin der Pension “Engelshand” hatte schon seit einiger Zeit unter dem verrufenen Namen des Schandgebirges gelitten und redete dem ahnungslosen Reisebüro kurzum ein, dass die Region natürlich nicht “die zweite Schweiz” hieß und ebenso wenig “Schandgebirge” – da sei die Hoffnung wohl Mutter der Namensgebung gewesen – sondern “sächsische Schweiz”. Und so reisten die ersten internationalen Besucher in das Schandgebirge und sorgten durch ihre durch die falschen Ortszeichen hervorgerufene Verwirrung, oftmals unterstrichen von verletztem Nationalstolz, und in Kombination mit der Durchsetzungskraft ihres potenten Geldbeutels, in kurzer Zeit zur Umbenennung aller Schilder, Karten und Broschüren. So in etwa stelle ich mir die Etymologie der sächsischen Schweiz vor.

Was ich aber eigentlich erzählen wollte: Ich habe nach fast 20 Jahren in Berlin endlich die nahgelegene Sächsische Schweiz kennengelernt. Zumindest in Grundzügen, nach Abzug der diversen aufgrund von mangelnder Kompetenz enstandenen Irrungen. Einen Vorgeschmack auf dieselben gab schon meine selbstverständliche Annahme, dass meine Pension “Buschmühle” Kartenzahlung akzeptieren würde, gefolgt von der Annahme, dass der Bahnhof von Bad Schandau doch sicherlich einen Geldautomaten habe. Die erste Stunde in der sächsischen Schweiz verbrachte ich denn auf dem Hin- und Rückweg zum Geldautomaten auf der anderen Seite der Elbe “neben der Tankstelle”.

Meine Pension “Die Buschmühle”

Meine Wanderlust ist eine relativ neue Sache, die ich eigentlich erst vor zwei Jahren auf Amorgos entdeckt habe. Ich mag daran das Abschalten und Treibenlassen, man ist aktiv und passiv zugleich, wie im Strom eines Flusses. Es muss mindestens ein bisschen anstrengend sein und weite Blicke geben, möglichst dramatisch. Immer geradeaus im Wald finde ich eher langweilig. Die Sächsische Schweiz erfüllt diese Wünsche recht gut mit ihren herausragenden, mal fingerförmigen, mal meteoritenartigen dunklen Felsen inmitten von dichten, hügeligen Wäldern, die spektakuläre Ausblicke und abwechslungsreiche Landschaften bieten.

Jedenfalls, wenn man sich nicht ganz so blind auf seine Wander-App verlässt wie das volldigitalisierte Ich. Am ersten Tag führte der “Weg” in meiner App meinen Reisebegleiter und mich geradewegs auf eine Steilwand zu, anstatt uns zum Aussichtspunkt “Teichstein” zu führen – was dazu führte, dass er an diesem Tag nur Waldwege ohne Felsen oder Aussichten sah, da er sich nach den zwei Stunden Wanderung erschöpft bis enttäuscht in die Pension zurückzog.

Sächsische Schweiz ohne Schweiz

Ich versuchte mein Glück am Nachmittag erneut mit einer neuen Route unter Verwendung der Methode “mit Leuten sprechen”. So entdeckte ich durch Verfolgung einer Mutter mit Kind den wunderbaren Ausblick von der Felsenburg Arnstein und erfuhr beim Genießen der weiten Sicht über die Baumwipfel einige Dinge von der Mutter ohne Namen: Beim der “Burg” handelt es sich um wenige Überbleibsel einer Festung, von der keiner weiß, ob es ein Raubschloss war oder nicht (ich weiß nicht einmal genau, was ein Raubschloss ist). Der Arnstein bietet eine der drei Lieblingsaussichten der Mutter in der sächsischen Schweiz, neben dem Carolafelsen und der Teichstein (siehe oben – tja). Sie wohnt in Friedrichshain. Sie mag sich am liebsten mit offenen Haaren, weswegen sie ihren Pferdeschwanz für das Foto mit ihrer Tochter öffnet, das ich ihr anbiete.

Ausblick vom Arnstein

Als nächstes Highlight in der Gegend empfiehlt die Mutter die Kleinsteinhöhle, die habe auch einen schönen Blick. Während ich mich noch fragte, wie eine Höhle einen schönen Blick haben könne, war ich schon auf dem Weg. Und wurde schon bald belohnt mit der live Erfahrung eines Monuments, das ich erst am Tag zuvor in einem Youtube Video entdeckt hatte und das hierdurch die Aufwertung des Bekannten erfuhr. Man geht in eine halboffene Höhle hinein und geht auf ein Loch im Felsen zu – der vielmehr eine Art Torbogen ist – der wunderschön einen Rahmen um die Baumwipfel unterhalb der Höhle bildet. Im Torbogen befindet sich zum Sitzen einladender Sand auf dem Boden. Ich bin ganz alleine und stelle mir vor, ich wäre es nicht.

Kleinsteinhöhle

Meinen Rückweg zur Pension legte ich beschwingt von meinen Erfolgen und der treibenden Musik in meinen Kopfhörern zügig und teils joggend zurück. Das Glück und die Erschöpfung bei Ankunft in der Pension ertrank ich in drei Weinschorlen und einer Forelle mit mehreren Zehen Knoblauch.

Die zweite Weinschorle
Die Forelle

Am nächsten Tag nahmen wir uns – wieder zu zweit – eine Tour mit zwei neuen Aussichtspunkten vor. Zu diesem Zeitpunkt hielt ich den Weg mit Steilwand in der Mitte noch für einen Ausnahmefehler der App, und so plante ich die Tour in blindem Vertrauen auf deren Routenkalkulation. Eine Rundtour von und bis zur Pension, 9 km, 3,5 stunden – perfekt. Nach ca. einer Stunde befanden wir uns mitten im Wald auf einer Strecke, die über Stock und Stein, steile Felsen und Abgründe führte und auch bei Aufbringung all unserer Vorstellungskraft nicht als Weg bezeichnet werden konnte. Auch unsere Entschuldigungen mit womöglich historischen und nicht mehr genutzten Wege waren angesichts abrupter Abhänge inmitten des Weges nicht lange haltbar.

Laut App auf dem richtigen Weg

In der Wildnis zeigten sich nun auch zwischenmenschliche Differenzen. Während mein Reisebegleiter der Meinung war, durch die Wahl möglichst hoher Wege den besten Überblick und verkürzte Strecken zu haben, war ich der Ansicht, durch möglichst niedrig gelegene Wege steile Abhänge zu vermeiden und die Wahrscheinlichkeit zu erhöhen, auf Wanderwege zu stoßen. Bei mir zeigte sich trotz der offenkundigen Fehlinformation durch die App außerdem ein Festhalten daran, zumindest “in der Nähe des Weges” zu bleiben, während mein Reisebegleiter sich für die völlige Improvisation aussprach. Nach einem Steilabhang lenkte er zumindest bezüglich meiner Hypothese zu niedrigen Wegen ein, wir steuerten das Tal an, stießen bald auf den Malerweg und erreichten schließlich endlich unseren angestrebten Aussichtspunkt.

Aussicht vom Goldstein

Es waren inzwischen 3 Stunden von den kalkulierten 3,5 Stunden vergangen und die Hälfte der Strecke lag noch vor uns – entlang eines Weges, der genauso wie die nicht existierenden Wege in der App gestrichelt markiert war, auf Google Maps erst gar nicht eingezeichnet war und entlang des Gebiets “Bärenwände” lief, welches mir vage als gefährlich im Gedächtnis war. In 4 Stunden mussten wir zum Bahnhof aufbrechen und wir waren mitten in der Wildnis ohne Straßenzugang. Wir fällten also die weise Entscheidung, entlang von bekannten Wanderwegen zurückzugehen.

Der Rückweg, welcher vormals noch in weiter Ferne von gefühlt 12 Stunden existenzieller Überlebenswanderung schien, verkürzte sich so auf ca. eine Stunde. Den Anti-Klimax der plötzlich erlangten freien Zeit verbrachten wir mit: 20 Minuten auf den Bus warten. Einsehen, dass er ausfällt (bei einer stündlichen Taktung keinerlei Problem). 30 Minuten mit dem städtischen Trolley an der Strasse entlang Richtung Bahnhof gehen. 20 Minuten auf den nächsten Bus warten. 40 Minuten im kleinen Bad Schandau in Kreisen gehen mit dem Trolley auf dem Kopfsteinpflaster. 40 Minuten im Eiskaffee sitzen und einen Berg Waffeln mit Eis, Sahne und Kirschen essen. Dort vergeblich nach einer Cola Light fragen (das neutralisiert bekanntlich Kalorien). 60 Minuten an der Elbe einen Sonnenstich kriegen. 10 Minuten mit dem Boot zum Hbf übersetzen. Dort 5 Minuten weiter nach einer Cola light suchen aber nur regionale Biogetränke finden. 40 Minuten im Bahnhof rumlungern und dabei diesen post auf dem Handy zu schreiben beginnen.

Im Zug fiel ich dann gleich über die überteuerte lauwarme Pepsi Max her, was zum Verzehren meiner restlichen süßen Essensvorräte führte (leider führt Cola Light zum Zuckerrausch, ich verdränge das nur immer wieder). Dann der Zustand, wenn einem vor lauter süßem Essen schlecht ist, man aber trotzdem noch etwas herzhaftes essen will, weil es sich sonst nicht richtig anfühlt.

Inzwischen rollen wir in Berlin ein, wo ich meine Wege wieder von ganz alleine finde. Das war mit Sicherheit nicht mein letztes Mal im Schandgebirge – das nächste Mal jedoch mit einem Schuss mehr Realismus.

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