Delikatessenjagd auf Sifnos


Ich glaube ich habe Sifnos über eine Frauenzeitschrift entdeckt. Sowas lese ich normalerweise nicht, aber der Artikel über den „Geheimtipp“ tauchte unter den Suchergebnissen beim Googlen nach kykladischen Inseln auf, die ich noch nicht kannte. Mich sprach an, dass Sifnos ein neues Profil mitbringt, welches in meinem Portfolio noch nicht abgedeckt ist: Die Insel gilt als Foodie-Insel, ist also für das gute Essen bekannt. Das erste griechische Kochbuch, welches das, was heute für griechische Küche gehalten wird, maßgeblich geprägt hat, soll von einem Herrn Tselementes aus Sifnos stammen. Seitdem haben die Sifnoer die Tradition des guten Essens aufrechterhalten, sodass heute zahlreiche besonders gute Restaurants und Bäckereien auf Sifnos zu finden sein sollen. Ich hatte vier Tage für den Realitätscheck.

Meine Ausgangshypothese war, dass auf einer Insel, deren Tourismus maßgeblich von der Essensqualität beeinflusst wird, die Bäckerei direkt am Hauptplatz des Hauptortes gut sein müsse. Voller Vorfreude betrat ich also ebenjene Bäckerei und fragte nach der „besten Backspezialität“ die er zu bieten hatte. Der Verkäufer überlegte kurz und deutete dann auf einen fertig verpackten und offensichtlich zugekauften Müsliriegel. Ich, ungläubig, auf Englisch wechselnd: „No, I mean what is your best product?“ Und er: „Yes, I think this is best“. Das konnte ich natürlich nicht machen, also griff ich zu einem unscheinbaren braunen Haferteilchen was irgendwie ökomäßig selbstgemacht aussah und daher eher meinen Erwartung von „authentisch lokalem Essen“ entsprach. Es schmeckte so wie es aussah.

Mein nächster Versuch der Entdeckung einer lokalen Delikatesse führte mich weiter in den Nachbarort Artemonas und deren bekannter Bäckerei Theodorou. Ich erwartete einen urigen kleinen Laden mit duftenden Backstücken auf alten Holzbrettern. Der Laden sah in der Tat urig aus, es gab aber keine Produkte – nur ein paar fertig abgepackte Tüten mit trockenen Plätzchen, die wenig ansprechend aussahen, aber offenbar die einzige Spezialität des Ladens waren. Ich ging zur nächsten Bäckerei mit der etwas schlechteren Google Maps Bewertung und hier gelang es mir schließlich, mir eine Tüte mit ortstypischen Plätzchen zusammenstellen zu lassen, die ich sogleich zum Frühstück verputzte. Bis auf ein originell gewürztes Plätzchen waren alle lecker, aber nicht besonders beeindruckend.

So ähnlich verlief es weiter mit den Restaurants, zum Beispiel im Cafe Dolci in Kastro mit dessen kreativen Salaten unklarer nationaler Herkunft.

Auf einer meiner Wanderungen kam ich schließlich an einer Art kleiner Gemüsefarm vorbei, die auch selbstgemachte Produkte und Kochkurse für traditionelle Gerichte anbieten. Ich besichtigte die Küche mit Esstisch, in der am nächsten Abend ein Kochkurs stattfinden würde, betrachtete die Konserven mit Marmeladen und getrockneten Kräutern und unterhielt mich mit dem überaus netten Betreiber-Ehepaar, das mich in der typisch griechischen herzlichen Art willkommen hieß und mich über lokale Gerichte aufklärte. Sicherlich spielt bei diesen Gesprächen immer meine Herkunft eine gewisse Rolle, was ich an der besonderen Aufmerksamkeit und Wärme nach meinem Outing bemerke. Der Kochkurs wäre vermutlich perfekt gewesen, aber ich entschied mich für die faule Variante des Bekochtwerdens und bevorzugte einen schönen Ausblick anstelle der fast fensterlosen Küche. Ich verabschiedete mich also mit einer Visitenkarte eines traditionellen Restaurants in meiner Hosentasche, welches dem Schwiegersohn des Besitzers gehörte. Ich traf den Besitzer später in Apollonia wieder, wo er mich namentlich in einer Gasse rief.

Ich wollte aber lieber auf die Empfehlung meiner Frauenzeitschrift hören, also ging ich anstatt dessen in das dort als „bestes“ angepriesene Restaurant Omega3 in Platis Gialos, dem schicksten Strand von Sifnos. Ich kam gerade von einer Wanderung – verschwitzt, sportlich gekleidet und insgesamt wenig präsentabel. In Erwartung eines Edelrestaurants schloss ich mich in einer Umkleidekabine am Strand ein und machte mich dort mithilfe eines Strandkleides und etwas Makeup einigermassen zurecht, bis die Ungeduld eines Strandgastes mich wieder aus der Kabine trieb.

So provisorisch aufgebrezelt steuerte ich also auf das bekannte Restaurant zu, und fand: eine kleine beach bar mit wenigen Quadratmetern und internationalem Essen. Wenigstens der begleitende Wein zu meinem – sehr guten, aber eben nicht wirklich landestypischem – Ceviche und Jacobsmuscheln war griechisch.

Am Abend versuchte ich diese Erfahrung mit dem bestbewertetsten griechischen Fischrestaurant in meinem Ort zu kompensieren – ich wollte nicht irgendwo hinfahren müssen – und tätigte hierfür die Investition eines längeren Abendspaziergangs an der unbeleuchteten Autostrasse. Mit grosser Freude setzte ich mich an einen der Tische mit Panoramablick über einen beleuchteten Pool hinweg. Nach Anblick des Menüs wurde mir jedoch bewusst, dass ich im falschen Restaurant saß – im Gebäude befanden sich zwei nicht klar voneinander getrennte Restaurants und ich war offenbar auf die falsche Seite gegangen. Beim Erfragen des richtigen Eingangs erfuhr ich vom Kellner jedoch, dass mein Zielrestaurant geschlossen hatte. Und so nahm ich ein weiteres fusion Mahl zu mir – Fleisch in Feigen-Sahnesauce mit Wildreis.

An meinem letzten Tag hatte ich bis auf die Kekse immer noch nichts meiner Vorstellung von traditionellem lokalen Essen entsprechendes gegessen. Es war Sonntag und Sonntagabend aß man auf Sifnos dem Brauch gemäß eine Kichererbsensuppe, die zwei Tage lang im Ofen gegart wurde. Wie der Leser sich sicherlich denken kann, wurde das Verspeisen dieser Suppe zu meiner Mission. Ich suchte mir also ein Restaurant heraus, welches gute Bewertungen hatte und das Wort „traditionell“ im Titel trug. Sie hatten die Suppe, aber mit irgendwelchen verspielten Extras, die ich gar nicht haben wollte – ich wollte ja einfach nur die traditionelle Suppe! In Ermangelung von Alternativen gab ich mich aber mit der Variante zufrieden und bestellte. Und hätte es auch gegessen, hätte ich nicht das leichte Zögern im Gesicht der Kellnerin gesehen und gefragt „or what do you recommend?“ und hätte sie daraufhin nicht gesagt „DEFINITELY the beef stew with spicy eggplant, it‘s a no-brainer“ und hätte sie trotz meinem Versuch, sie für die Kichererbsensuppe zu begeistern, nicht gesagt „yes it‘s the local speciality, but it‘s just not the best choice, i don‘t want to lie“. Das beef stew war exzellent und wirklich besonders.

Schließlich ging mir auf, dass genau das am Essen in Sifnos besonders ist – die fusion Gerichte und griechischen Gerichte mit internationalem Einfluss. Nicht die Kichererbsensuppe. Während man auf anderen Inseln in der Regel ein klassisches Repertoire an 10-20 Gerichten findet, hatten viele  Speisekarten auf Sifnos einen „special twist“ – entweder waren sie komplett international  oder waren Neuinterpretationen von griechischen Klassikern.

Sifnos ist bei mir aber gar nicht nur wegen des Essens hängen geblieben sondern wegen der nicht kulinarischen Highlights die ich nicht erwartet hatte – dem tollen Ausblick auf Apollonia von meinem Balkon, den schönen und gut ausgeschilderten Wanderwegen, des malerischen Dorfs Kastro und der urbanen Cafes und Restaurants. Strände hat Sifnos natürlich auch. Insgesamt besticht Sifnos durch ebendiese Mischung an unterschiedlichen Facetten, die ich so bisher auf keiner anderen Insel gesehen habe. Sifnos ist auf meiner (immer länger werdenden) Liste der kykladischen „keepers“, meiner Lieblingsinseln, gelandet.

Ich verließ Sifnos nach meinem letzten Versuch einen griechischen takeaway Kaffee für die Busfahrt zu besorgen – ich bekam nur einen American, der aber – wie alles nicht-griechische auf der Insel – sehr gut war.

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