Santorinis Schmuckstücke


Santorini ist so eine Art Venedig von Griechenland und neben Mykonos vermutlich die ungriechischste Insel, die in ihrer Anpassung an die Wünsche der Touristen ihre eigene Kultur entwickelt hat. Während sich die anderen kykladischen Inseln manchmal wie französische Kolonien anfühlen ist Santorini mehr von Übersee geprägt – von Amerikanern, Russen, Chinesen und Indern. Die größten Besucheranteile kommen vermutlich immer noch aus Europa, fallen nur weniger auf. Interessanter Weise gibt es ziemlich viele Schwarze und gemischte Paare. Vielleicht fällt hier aber auch nur der hohe Anteil an Amerikanern ins Gewicht.

Es gibt posierende Hochzeitspaare, Instagrammer und Drohnen sowie Verbotsschilder für unerwünschtes Touristenverhalten. Eine Geschäftsbesitzerin erzählt mir, dass sie zum Sonnenuntergang teilweise ihren Laden zumachen muss, weil die Touristen sonst ihre Terrasse mit perfektem Blick besetzen und inmitten der Menschentraube auch geklaut werde. Amerikaner und Russen würden regelmäßig versuchen, sie für das Sitzen auf der Terrasse zu bezahlen (diese Art des kapitalistischen Opportunismus lehne sie als Ultralinke aber strikt ab) und Franzosen seien die größten Diebe.

Santorini ist für griechische Verhältnisse teuer und bietet Luxushotels mit Infinity pool, zahlreiche Schmuckläden und Modeboutiques. Die Besucher sind im Schnitt schöner und reicher als auf den anderen Inseln, wobei oftmals der reifere reichere Mann mit der jüngeren schönen Frau kombiniert ist. Andere wären gerne schön oder reich, und versuchen dies mit Lacoste Polos und spitzenverzierten Sommerkleidern in hellen Farben auszudrücken.

Es gibt natürlich Ausnahmen – zum Beispiel mich, die von Fira nach Oia 10km teils wandert teils joggt und anschließend vor Ort in verschwitztem Sportoutfit die Ästhetik verschandelt. In dem Punkt hab ich mich geändert – sowas hätte ich bis vor ein paar Jahren nicht gemacht, sondern mich lieber mithilfe meiner riesigen Garderobe herausgeputzt, um beim Schaulaufen mitzumachen. Schön kleiden tu ich mich immer noch gerne, aber anlassbezogen und nicht aus Konformität – und meine Agenda war dieses mal nicht schön zu sein, sondern Oia und die Schmuckgeschäfte ohne logistischen Aufwand des Zurückfahrens nach Fira zu erkunden. Jedenfalls führte dies dazu, dass ich mit nassgeschwitzter Sportkleidung teuren Schmuck einkaufen ging. Ich glaube, ich hätte über mich selbst gelästert (diese stillosen Touristen…). Als Kompensation entschuldigte ich mich mehrfach und vermutlich etwas übertrieben bei den Verkäufern für mein Aussehen und erntete natürlich die erhoffte Beschwichtigung.

Für die Mehrzahl der Besucher, denen das Postkarten- Santorini eigentlich zu kostspielig ist, gibt es McDonalds, Gyros, chinesisches fast food, überfüllte sunset Bootstouren für 30 Euro und Mitbringsel made in China. Zu diesem lifestyle habe ich mich nun nicht herabgelassen, aber anstatt teures mittelmäßiges Essen zu konsumieren kaufte ich Lebensmittel für kalte Speisen im Supermarkt und besuchte die lokale Bäckerei für eine Spanakopita am morgen. In Ermangelung von Geschirr entdeckte ich auf diesem Weg die Möglichkeit, Salat per Schütteln einer Plastiktüte aus dem Supermarkt zu vermischen und eine halbe ausgelöffelte Wassermelone als Teller zu verwenden.

Ich habe auf Santorini ein Vermögen für Schmuck ausgegeben, liebe aber auch jedes einzelne Stück. Die originelle, oft asymmetrische und mit dem Kontrast aus klassischer Schönheit und Rohheit spielenden Ästhetik einiger griechischer Designer hat es mir angetan und ich gebe mich bei jedem Griechenlandbesuch dieser Schwäche hin. Diesmal trieb ich meinen Konsumexzess auf die Spitze, fand aber Vergebung in dem Gedanken dass ich hiermit schließlich die von Covid gebeutelte Tourismusbranche unterstütze. Shoppen für das Vaterland!

Die beliebteste Attraktion auf Santorini ist mit großem Abstand die „Caldera“, der hoch gelegene Steilabhang an dem sich die weissen Häuser der Orte Fira, Oia und co. eng gedrängt aufreihen. Santorini ohne Caldera wäre wie Venedig ohne Wasser. An dieser Caldera und der anschließenden Bergkette entlang führt ein Wanderweg von Fira nach Oia, der mein Highlight bei jedem Santorini-Besuch ist und auch der schönste Joggingweg ist den ich bisher gesehen habe. Die gegenüberliegende Lavainsel mit dem leicht dampfenden und nach Sulfur riechenden aktiven Vulkan hatte ich mir schon beim letzten Besuch angesehen und war sehenswert, musste ich aber nicht wiederholen. Santorini und die beiden gegenüberliegenden Inseln waren ja mal eine einzelne Insel, in deren Mitte vor ein paar tausend Jahren ein Vulkan explodierte. Es gibt eine Theorie, dass es sich bei Santorini um die Reste des sagenumwobenen untergegangenen Reiches Atlantis handelt. Heute erinnern nicht nur die Steilhänge und die Inselform an die Explosion, sondern auch die dunkle Farbe der Lavafelsen.

Wenn man nach „Santorini what to do“ bzw den anderen Attraktionen googelt, findet man natürlich noch weiteres: Die Strände mit rötlichem und schwarzen Lavasand, teils antike Dörfer im Landesinneren, die Weingüter, ein Freiluftkino. Ich habe mich bisher auf meinen kurzen Trips aber vor allem auf die Caldera konzentriert anstatt „alles abzuhaken“ – ich kriege nicht genug von den atemberaubenden Blicken und habe den Eindruck, dass andere Inseln die anderen Sehenswürdigkeiten besser können. Auch meine Lieblingsunterkunft ist so ausgewählt: Ein Minizimmer mit bescheidener Ausstattung, dafür eine riesen Dachterrasse direkt an der Caldera die ich bisher immer für mich allein hatte.

Hier verbrachte ich meine letzten Stunden in Griechenland und reflektierte das Leben im Großen und Speziellen – leider ohne zu neuen Erkenntnissen zu gelangen oder der erhofften Vorfreude auf zu Hause. Ich ging nicht gerne, aber zumindest konnte mich der Gedanke motivieren, meine Portokasse für den nächsten Trip aufzuladen.

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