Überlebenstraining auf Amorgos


Amorgos hat es mal wieder geschafft, mich durch seine Unbezwingbarkeit zu fesseln. (Hier fällt mir eine gewisse Parallele zu meinem Männergeschmack ein, hierzu vielleicht einmal an anderer Stelle).

Ich war schon zwei Mal auf Amorgos, der kykladischen Insel die wegen ihrer hohen Berge als Wanderinsel gilt. Beim ersten Mal habe ich das Wandern für mich entdeckt, beim zweiten Mal neue Routen erforscht und jetzt beim dritten Mal wollte ich eigentlich nur die bekannten Wege mit den spektakulären Blicken noch mal gehen und vielleicht ein paar neue, wenn auch wahrscheinlich weniger beeindruckende Touren entdecken (ich war der Meinung dass ich das Beste schon gesehen habe). Das geplante neue Element diesmal war die Anwesenheit meiner Mutter, einer erfahrenen Wanderin die sogar so etwas wie Wanderschuhe besitzt und Amorgos noch nicht kannte.

Wie ich aber ja schon wenig subtil angedeutet habe, entwickelte sich dieser Besuch zum bisher spannendsten. Denn nach Beendung des bereits bekannten Wanderweges 5, der an steilen Abhängen entlang führt und bei einer abgelegenen Kapelle endet (siehe Video) beschloss ich, einen anderen Weg zurück zum Ausgangspunkt Langada zu nehmen, der auf keiner App eingezeichnet war. Einzig die flüchtig betrachtete offline Wanderkarte meiner Mutter hatte eine fein gestrichelte Linie zurück von der Kapelle nach Langada auf der anderen Seite der Bergkette eingezeichnet. Ich hatte mir den genauen Verlauf dieses Weges unbestimmten Zustandes nicht eingeprägt und kein Foto von der Karte gemacht (wie sollte ich auch wissen, wo ich mich im Verhältnis zum Weg gerade befand ohne App, dachte ich mir). Mir reichte die Information, dass es „irgendwie ja anscheinend möglich sei“, auf der anderen Seite der Bergkette zurück zu gehen, um nach Ende der Beschilderung des Wanderwegs zu entscheiden, durch „unchartered territory“ zurück zu gehen (mit heroischen Assoziationen von Jean-Luc Picard). Meine Mutter hatte ich bereits auf der Hälfte des Wanderwegs zu Beginn der schwierigeren Passagen zurückgelassen und sie war jetzt auf dem konventionellen Rückweg nach Langada, wo wir uns treffen wollten.

Wie zu erwarten war, hörte die Beschilderung nach der Kapelle auf – dafür fand ich aber die Steinhaufen vorangegangener Wanderer vor, das internationale Zeichen für „hier geht es weiter“. Diese bestärkten mich in meinem Vorhaben, wenn sie gleichzeitig auch zu einer gewissen Anspannung führten, da sie eher sparsam verteilt waren und der weitere Weg komplett vom Erkennen der kleinen künstlichen Haufen inmitten der Gerölllandschaft abhing.

Mir gelang die Schnitzeljagd bis zum höchsten Punkt von Amorgos (die thumbs up Szene im Video), wo sich mir herrliche Blicke über die gesamte Insel in kompletter Einsamkeit boten (überhaupt kamen mir auf dem gesamten stundenlangen Weg nur zwei Paare und ein trail runner entgegen). Bis zu diesem Punkt war der Weg relativ einfach gewesen und ich hatte Selbstvertrauen in meine Orientierungsfähigkeit gefasst, was durch die Euphorie des Gipfelstürmens noch weiter unterstützt wurde. Als ich keine weiteren Steinhaufen sah, entschied ich also voller Selbstvertrauen, einfach weiter in Richtung Langada zu gehen.

Nach einer Weile wurden die Steigungen anspruchsvoller und es zeigte sich der steile zu überquerende Bergkamm am Horizont, und es dämmerte mir, dass die Umsetzung meines Plans eventuell etwas schwieriger werden würde als gedacht. Wäre ich in der Lage gewesen, die Höhenlinien in meiner Wanderapp richtig zu interpretieren, wäre das keine Überraschung gewesen. Durch meine Mischung aus Tatendrang, Ignoranz, Optimismus und Mut hatte ich mich aber nicht näher mit solchen Kleinigkeiten befasst. Ich ging also straks auf den niedrigsten Punkt des zu überquerenden Bergkamms zu in der Hoffnung, dass der Abstieg nach Langada danach nicht allzu steil sein würde.

Es war schon Nachmittag, als ich die Spitze des Bergkamms erreichte, hinüber schaute und einen steilen, schottrigen Abhang vorfand. Die Neigung an sich war das geringere Problem – sie war steil, wäre aber bei festem Untergrund leicht zu bewältigen und im schlimmsten Fall kletterbar gewesen. Der Schotter, gesprenkelt von Distelbüschen, machte den Abstieg jedoch extrem herausfordernd. Denn nicht nur hatte ich keinen Halt auf dem Boden, sondern auch keine Möglichkeit, mich an den Disteln festzuhalten oder mich im Zweifel in sie fallen zu lassen.

Ich informierte meine Mutter über das zum Glück noch vorhandene Mobilfunknetz, dass ich wohl etwas später in Langada eintreffen würde. Die Details meiner Situation beunruhigten sie so, dass ich sie eine Weile von dem Vorschlag abbringen musste, den Weg einfach wieder zurück zu gehen (dafür war ich schon zu weit und ich hielt die Situation nicht für lebensgefährlich). Sie gab mir außerdem den wenig motivierenden Hinweis, dass Abstiege ja viel gefährlicher seien als Aufstiege.

Ich begann also meinen Abstieg im Zeitlupentempo und lernte dabei einiges: 1) Man kann auf Schotter wie auf einer Welle reiten, muss nur rechtzeitig abspringen, weil man sonst zu schnell und unkontrolliert wird. 2) Seitwärtsgang in Serpentinen ist am sichersten. 3) Ziegenköttel sind ein gutes Indiz für stabile Wege. 4) Größere Steine sind in der Regel am besten für den Auftritt geeignet. 5) Ein Abstieg an einer Felswand bietet Halt für die Hände.

Irgendwann ließ ich die von Wolken umgebenen Berggipfel hinter mir und stieß auf die ersten von Menschenhand gebauten Mäuerchen, die kleine Terrassen für den Ackerbau oder Ziegen bildeten. Sie beruhigten mich sofort – irgendein Mensch konnte sich hier fortbewegen. Bald fingen auch erste kleine Bäume an und ich erlente Lektion 6) Morsche Äste eignen sich nicht zum Festhalten, auch wenn sie groß sind.

Leider existiert von dieser spannenden Passage keine Videodokumentation, da ich zu dem Zeitpunkt andere Prioritäten hatte. Der Leser möge also seine Vorstellungskraft bemühen und sich eine unbeholfen krakselnde Frau mit eingefrorenen Gesichtszügen und hoffnungsvoll nach einem Ziegenhirt ausschauenden Augen vorstellen.

Nach ziemlich langer Zeit im wortwörtlichen Schneckentempo und einigen Fast-Stürzen (ich dankte meiner Youtube Trainerin Caroline Girvan in Gedanken für ihre Körperspannungs-Trainings die nun endlich eine praktische Anwendung fanden) entschloss ich mich, wieder auf den laut Wanderapp nahegelegenen Wanderweg 5 zurück zu gehen, anstatt weiter einer zwar streckenmäßig kürzeren, aber vermutlich weiterhin unwegsamen Luftlinien-Strecke über Stock und Stein zu folgen. Da ich bekanntlich unfähig war, die Höhenlinien in der App zu lesen, war mir jedoch nicht klar, dass zwischen dem Wanderweg und mir eine Schlucht lag. Mein Gekraksle führte mich also in eine Art Flusstal, in dem ich diverse Ziegen durch die unerwartete menschliche Präsenz aus der Fassung brachte.

Als ich endlich am tiefsten Punkt angelangt war, wurde alles einfacher (wie im Leben!), da ich jetzt zum Weg hochklettern konnte, was bekanntlich – mal abgesehen von der Anstrengung – viel einfacher ist als der Abstieg. Nach Überwindung des nun verhältnismäßig einfachen Hindernisses eines Zauns für die Ziegen (ich hatte mich also in einer Art Gehege befunden) spürten meine Schuhe endlich wieder das schon ungewohnt gewordene Gefühl des menschengemachten Steinwegs unter sich. Meine Rettung und meine nun schon lange in Langada wartende Mutter beschwingten mich so, dass ich den Restweg unglaublicher Weise joggend zurücklegte. (Das Thema Motivation und Leistung fasziniert mich immer wieder).

Dieses Wandererlebnis auf Abwegen hat mich fertig gemacht aber auch angefixed, und nächstes Mal will ich den richtigen Rückweg finden.

Apropos Joggen in unüblichen Umständen – ich habe bei dieser Edition des Amorgos-Besuchs mein Gefallen am Trailrunning gefestigt – dem Joggen auf unbefestigtem Wanderwegen. Ansatzweise hatte ich trailrunning schon auf Koufonissi praktiziert, entlang der Strände mit hügeligen Felsenpassagen. Auf Amorgos hab ich das Ganze dann „to the next level“ genommen, indem ich ganze Abschnitte des Wanderwegs 1 lief. Das Gefühl an Freiheit und Körperbeherrschung ist einfach fantastisch – solange man es eben durchhält. Meine Kondition ist leider weit davon entfernt, lange Strecken Steigung durchzuhalten. Aber schon die Abwechslung zwischen Joggen und Gehen nur mit kleinem Rucksack und ganz ohne Menschen in der Nähe, nur in der kargen Berglandschaft, ist der Hammer.

Das dritte Mal auf Amorgos wird also nicht das letzte Mal sein.

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